Vermischte Gedichte.
105
Drucktest doch so freundlich gestern AbendMir die Hände, lispeltest so lieblich:
Ja, ich komme, komme gegen MorgenGanz gewiß, mein Freund, auf deine Stube.
Angelehnet ließ ich meine Thüre,
Hatte wohl die Angeln erst geprüfet,
Und mich recht gefreut, daß sie nicht knarrten.
Welche Nacht des Wartens ist vergangen!
Wacht' ich doch und zählte jedes Viertel:
Schlief ich ein auf wenig Augenblicke,
War mein Herz beständig wach geblieben,
Weckte mich von meinem leisen Schlummer.
Ja, da segnet' ich die Finsternisse,
Die so ruhig alles überdeckten,
Freute mich der allgemeinen Stille,
Horchte lauschend immer in die Stille,
Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte.
„Hätte sie Gedanken, wie ich denke,
„Hätte sie Gefühl, wie ich empfinde,
„Würde sie den Morgen nicht erwarten,
„Würde schon in dieser Stunde kommen."
Hüpft' ein Kätzchen oben übern Boden,
Knisterte das Mäuschen in der Ecke,
Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause,
JiUiner hofft' ich, deinen Schritt zu hören,Immer glaubt' ich, deinen Tritt zu hören.
Und so lag ich lang' und immer länger,
Und es fing der Tag schon an zu grauen,
Und es rauschte hier und rauschte dorten.
„Ist es ihre Thüre? Wär's die meine!"
Saß ich aufgestemmt in meinem Bette,
Schaute nach der halb erhellten Thüre,
Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte.
Angelehnet blieben beide FlügelAus den leisen Angeln ruhig hangen.
Und der Tag ward immer hell und Heller;
Hört' ich schon des Nachbars Thüre gehen,
Der das Taglvhn zu gewinnen eilet,
Hört' ich bald darauf die Wagen rasseln,
War das Thor der Stadt nun auch eröffnet,
Und es regte sich der ganze PlunderDes bewegten Marktes durch einander.
Ward nun in dem Haus ein Gehn und KommenAuf und ab die Stiegen, hin und wiederKnarrten Thüren, klapperten die Tritte;
Und ich konnte, wie vom schönen Leben,
Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden.
Endlich, als die ganz verhaßte SonneMeine Fenster traf und meine Wände,
Sprang ich auf und eilte nach dem Garten,Meinen heißen sehnsuchtsvollen Athem
Mit der kühlen Morgenluft zu mischen,Dir vielleicht im Garten zu begegnen:Und nun bist du weder in der Laube,Noch im hohen Lindengang zu finden.
Der Sesnch.
Meine Liebste wollt' ich heut beschleichen,
Aber ihre Thüre war verschlossen.
Hab' ich doch den Schlüssel in der Tasche!Oeffn' ich leise die geliebte Thüre!
Auf dem Saale fand ich nicht das Mädchen,Fand das Mädchen nicht in ihrer Stube,Endlich da ich leis die Kammer öffne,
Find' ich sie gar zierlich eingeschlafen,Angekleidet, auf dem Sopha liegen.
Bei der Arbeit war sie eingeschlafen;
Das Gestrickte mit den Nadeln ruhteZwischen den gefaltnen zarten Händen;
Und ich setzte mich an ihre Seite,
Ging bei mir zu Rath', ob ich sie weckte.
Da betrachtet' ich den schönen Frieden,
Der auf ihren Augenliedern ruhte:
Auf den Lippen war die stille Treue,
Auf den Wangen Lieblichkeit zu Hause,
Und die Unschuld eines guten HerzensRegte sich im Busen hin und wieder.
Jedes ihrer Glieder lag gefälligAufgelöst vom süßen Götterbalsam.
Freudig saß ich da und die BetrachtungHielte die Begierde, sie zu wecken,
Mit geheimen Banden fest und fester.
O du Liebe, dacht' ich, kann der Schlummer,Der Verräth« jedes falschen Zuges,
Kann er dir nicht schaden, nichts entdecken,Was des Freundes zarte Meinung störte.
Deine holden Augen sind geschlossen,
Die mich offen schon allein bezaubern;
Es bewegen deine süßen LippenWeder sich zur Rede noch zum Kusse;Aufgelöst sind diese ZauberbandeDeiner Arme, die mich sonst umschlingen,Und die Hand, die reizende GefährtinSüßer Schmeicheleien, unbeweglich.
Wär's ein Irrthum, wie ich von dir denke,Wär' es Selbstbetrug, wie ich dich liebe,Müßt' ich's jetzt entdecken, da sich AmorOhne Binde neben mich gestellet.
Lange saß ich so und freute herzlichIhres Werthes mich und meiner Liebe;Schlafend hatte sie mir so gefallen,
Daß ich mich nicht traute, sie zu wecken.