Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

118

Vermischte Gedichte.

Wie! ruft ihr, wer so künstlich und so fein,

So wirksam war, muß reich gestorben seyn!Warum versagt man ihm den Tranerglanz,

Den äußern Anstand letzter Ehre ganz?

Nicht so geschwind! Das Glück macht alles gleich,Den Faulen und den Thät'gen — Arm und Reich.Zum Gütersammeln war er nicht der Mann;

Der Tag verzehrte, was der Tag gewann.

Bedauert ihn, der, schaffend bis an's Grab,

Was künstlich war, und nicht was Vortheil gab,

In Hoffnung täglich weniger erwarb,

Vertröstet lebte und vertröstet starb.

Nun laßt die Glocken tönen, und zuletztWerd' er mit lauter Trauer beigesetzt!

Wer ist's, der ihm ein Lob zu Grabe bringt,

Eh noch die Erde rollt, das Chor verklingt?

Ihr Schwestern, die ihr, bald auf Thespis Karrn,Geschleppt von Eseln und umschrien von Narr'n,Vor Hunger kaum, vor Schande nie bewahrt,

Von Dorf zu Dorf, euch seil zu bieten, fahrt;

Bald wieder durch der Menschen Gunst beglückt,In Herrlichkeit der Welt die Welt entzückt;

Die Mädchen eurer Art sind selten karg;

Kommt, gebt die schönsten Kränze diesem Sarg;Vereinet hier theilnehmend euer Leid,

Zahlt, was ihr ihm, was ihr uns schuldig seyd!

Als euer» Tempel grause Gluth verheert,

Wart ihr von uns drum weniger geehrt?

Wie viel Altäre stiegen vor euch auf!

Wie manches Rauchwerk brachte man euch draus!An wie viel Plätzen lag, vor euch gebückt,

Ein schwer befriedigt Publicum entzückt!

In engen Hütten und im reichen Saal,

Auf Höhen Ettersburg's, in Tiefurt's Thal,

Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht,

Und unter dem Gewölb' der hohen Nacht,

Erscheint ihr, die ihr vielgestaltet seyd,

Im Reitrock bald, und bald im Gallakleid.

Auch das Gefolg, das um euch sich ergießt,

Dem der Geschmack die Thüren ekel schließt,

Das leichte, tolle, scheckige Geschlecht,

Es kam zu Haus, und immer kam es recht.

An weiße Wand bringt dort der ZauberstabEin Schattenvolk aus mytholog'schem Grab.

Im Possenspiel regt sich die alte Zeit,

Gutherzig, doch mit Ungezogenheit.

Was Gallier und Britte sich erdacht,

Ward, wohlverdeutscht, hier Deutschen vorgebracht;Und oftmals liehen Wärme, Leben, Glanz,

Dem armen Dialog — Gesang und Tanz.

Des Carnevals zerstreuter FlitterweltWard sinnreich Spiel und Handlung zugesellt.

Dramatisch selbst erschienen hergesandtDrei Könige aus fernem Morgenland;

Und sittsam bracht' aus reinlichem AltarDianens Priesterin ihr Opfer dar.

Nun ehrt uns auch in dieser Trauerzeit!

Gebt uns ein Zeichen! denn ihr seyd nicht weit.

Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!Seht wer da kommt und festlich näher tritt?

Sie ist es selbst; die Gute fehlt uns nie;

Wir find erhört, die Musen senden sie.

Ihr kennt sie wohl; sie ist's, die stets gefällt;

Als eine Blume zeigt sie sich der Welt:

Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor.

Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,

Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.

So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,

Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.

Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn!

Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön.

Und, hocherstaunt, seht ihr in ihr vereint,

Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint.

Anständig führt die leis erhobne Hand

Den schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.

Der Rose frohes, volles Angesicht,

Das treue Veilchen, der Narcisse Licht,

Vielfält'ger Necken, eitler Tulpen Pracht,

Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier;

Und durch den schwarzen leichtgeknüpften FlorSticht eine Lorbeerspitze still hervor.

Es schweigt das Volk. Mit Augen voller GlanzWirft sie in's Grab den wohlverdienten Kranz.Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließtDer weiche Ton, der sich um's Herz ergießt.

Sie spricht: Den Dank für das, was du gethan,Geduldet, nimm, du Abgeschiedner, an!

Der Gute, wie der Böse, müht sich viel,

Und beide bleiben weit von ihrem Ziel.

Dir gab ein Gott in holder, steter KraftZu deiner Kunst die ew'ge Leidenschaft.

Sie war's, die dich zur bösen Zeit erhielt,

Mit der du krank, als wie ein Kind, gespielt,

Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,

In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!

Ein jeder, dem Natur ein Gleiches gab,

Besuche pilgernd dein bescheiden Grab!

Fest steh' dein Sarg in wohlgegönnter Ruh;

Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu,

Und sanfter als des Lebens, liege dannAuf dir des Grabes Bürde, guter Mann!