Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Kunst.

Guter Rath.

Geschieht wohl, daß man einen TagWeder sich noch andre leiden mag,

Will nichts dir nach dem Herzen ein;Svllt's in der Kunst Wohl anders seyn?Drum hetze dich nicht zur schlimmen Zeit,Denn Füll' und Kraft sind nimmer weit:Hast in der bösen Stund' geruht,

Ist dir die gute doppelt gut.

Sendschreiben.

Mein altes EvangeliumBring' ich dir hier schon wieder;

Doch ist mir's wohl um mich herum,

Darum schreib' ich dir's nieder.

Ich holte Gold, ich holte Wein,

Stellt' alles da zusammen;

Da, dacht' ich, da wird Wärme seyn,

Geht mein Gcmäld' in Flammen!

Auch that ich bei der Schätze FlorViel Gluth und Reichthum schwärmen;

Doch Menschenfleisch geht allem vor,

Um sich daran zu wärmen.

Und wer nicht richtet, sondern fleißig ist,

Wie ich bin und wie du bist,

Den belohnt auch die Arbeit mit Genuß;

Nichts wird auf der Welt ihm Ueberdruß.

Denn er blecket nicht mit stumpfem ZahnLang' Gesottnes und Gebratnes an,

Das er, wenn er noch so sittlich kaut,

Endlich doch nicht sonderlich verdaut;

Sonder» faßt ein tüchtig Schinkenbein,

Haut da gut und taglöhnermäßig drein,

Füllt bis oben gierig den Pokal,

Trinkt, und wischt das Maul wohl nicht einmal.

Sieh, so ist Natur eilt Buch lebendig,Unverstanden, doch nicht unverständlich:

Denn dein Herz hat viel und groß Begehr,

Was wohl in der Welt für Freude wär',

Allen Sonnenschein und alle Bäume,

Alles Meergestad' und alle Träume,

In dein Herz zu sammeln mit einander,

Wie die Welt durchwühlend Banks, Solander.

Und wie muß dir's werden, wenn du fühlest,Daß du alles in dir selbst erzielest.

Freude hast an deiner Frau und Hunden,

Als noch keiner in Elysium gefunden,

Als er da mit Schatten lieblich schweifteUnd an goldne Gottgestalten streifte.

Nicht in Rom, in Magna Gräcia;

Dir im Herzen ist die Wonne da!

Wer mit seiner Mutter, der Natur, sich hält,Find't im Stengelglas wohl eine Welt.

Künstlers Fug und Recht.

Ein frommer Maler mit vielem FleißHatte manchmal gewonnen den Preis,

Und manchmal ließ er's auch geschehn,

Daß er einem Bessern nach mußt' stehn'

Hatte seine Tafeln fortgemalt,

Wie man sie lobt, wie man sie bezahlt.

Da kamen einige gut hinaus;

Man baut ihn'» sogar ein Heiligenhaus.

Nun fand er Gelegenheit einmal,

Zu malen eine Wand im Saal;

Mit emsigen Zügen er staffirt,

Was öfters in der Welt passirt;

Zog seinen Umriß leicht und klar,

Man konnte sehn, was gemeint da war.

Mit wenig Farben er colorirt,

Doch so, daß er das Aug' frappirt.

Er glaubt es für den Platz gerechtUnd nicht zu gut und nicht zu schlecht,

Daß es versammelte Herren und Fraun,Möchten einmal mit Lust beschaun;

Zugleich er auch noch wünscht' und wollt'

Daß man dabei was denken sollt'.

Als nun die Arbeit fertig war,

Da trat herein manch Freundespaar,

Das unsers Künstlers Werke liebt',

Und darum desto mehr betrübt,

Daß an der losen leidigen WandNicht auch ein Götterbildniß stand.

Die setzten ihn sogleich zur Red',

Warum er so was malen thät,

Da doch der Saal und seine Wand'

Gehörten nur für Narrenhänd';

Er sollte sich nicht lassen verführenUnd nun auch Bänk' und Tische beschmieren;Er sollte bei seinen Tafeln bleibenUnd hübsch mit seinem Pinsel schreiben;

Und sagten ihm von dieser ArtNoch viel Berbindlich's in den Bart.

Er sprach darauf bescheidentlich:

Eure gute Meinung beschämet mich.

Es freut mich mehr nichts auf der Welt,

Als wenn euch je mein Werk gefällt.

° Da aber aus eigenem BerufGott der Herr allerlei Thier' erschuf,

Daß auch sogar das wüste Schwein,

Kröten und Schlangen vorn Herren seyn,

Und er auch manches nur ebauchirt,

Und gerade nicht alles ausgeführt

(Wie man den Menschen denn selbst nicht scharf

Und nur e,u Aros betrachten darf):

So hab' ich als ein armer KnechtVom sündlich menschlichen GeschlechtBon Jugend auf allerlei Lust gespürtUnd mich in allerlei exercirt,