Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Kunst.

Abwege.

Künstler, wird's im Innern steif,Das ist nicht erfreulich;

Auch der vagen Züge SchweifIst uns ganz abscheulich;

Kommst du aber auf die Spur,Daß du's nicht getroffen,

Zu der wahren KunstnaturSteht der Pfad schon offen.

Modernes.

„Wie aber kann sich Hans van EyckMit Phidias nur messen?"

Ihr müßt, so lehr' ich, alsogleichEinen um den andern vergessen.

Denn wart ihr stets bei Einer geblieben,Wie könntet ihr noch immer lieben?

Das ist die Kunst, das ist die Welt,

Daß eins um's andere gefällt.

Dilettant und Künstler.

Blätter, nach Natur gestammelt,Sind sie endlich auch gesammelt,Deuten Wohl auf Kunst und Leben;Aber ihr, im Künstlerkranze,

Jedes Blatt sey euch das Ganze,Und belohnt ist euer Streben.

Landschaft.

Das alles sieht so lustig aus,

So wohl gewaschen das Bauerhaus ^So morgenthaulich Gras und Baum,So herrlich Blau der Berge Saum!Seht nur das Wölkchen, wie es spieltUnd sich im reinen Aether kühlt!Fände sich ein Niederländer hier,

Er nähme wahrlich gleich Quartier,Und was er sieht und was er malt,Wird hundert Jahre nachgezahlt.

Wie kommt dir denn das alles vor?Es glänzt als wie durch Silberflor,Durchscheinend ist's, es steht ein LichtDahinter, lieblichstes Gesicht.

Durch solcher holden Lampe ScheinWird alles klar und überein,

Was sonst ein garstig Ungefähr,Tagtäglich ein gemeines wär'. —Fehlt's dir an Geist und Kunstgebühr,Die Liebe weiß schon Rath dafür.

Künstler-Lied.

Zu erfinden, zu beschließenBleibe, Künstler, oft allein,

Deines Wirkens zu genießenEile freudig zum Verein!

Dort im Ganzen schau', erfahreDeinen eignen Lebenslauf,

Und die Thaten mancher JahreGehn dir in dem Nachbar auf.

Der Gedanke, das Entwerfen,

Die Gestalten, ihr Bezug,

Eines wird das andre schärfen,

Und am Ende sey's genug!

Wohl erfunden, klug ersonnen,Schon gebildet, zart vollbracht,

So von jeher hat gewonnenKünstler kunstreich seine Macht.

Wie Natur im VielgebildeEinen Gott nur offenbart,

So im weiten KunstgefildeWebt ein Sinn der ew'gen Art;Dieses ist der Sinn der Wahrheit,Der sich nur mit Schönem schmücktUnd getrost der höchsten KlarheitHellsten Tags entgegenblickt.

Wie beherzt in Reim und ProseRedner, Dichter sich ergehn,

Soll des Lebens heitre RoseFrisch auf Malertafel stehn,

Mit Geschwistern reich umgeben,Mit des Herbstes Frucht umlegt,Daß sie von geheimem LebenOffenbaren Sinn erregt.

Tausendfach und schön entfließe,Form aus Formen deiner Hand,Und im Menschenbild genieße,

Daß ein Gott sich hergewandt.Welch ein Werkzeug ihr gebrauchet,Stellet euch als Brüder dar;

Und gesangweis flammt und rauchetOpfersäule vom Altar.