Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

168

Aus fremden Sprachen.

Und glücklich, glllckverspendend. Und was aberWas ist sie jetzt? Für meine Sünden büßte sie —Ein Wesen? Denk' es nicht — vielleicht ein Nichts.In wenig Standen frag' ich nicht umsonst,

In dieser Stunde fürcht' ich, wie ich trotze,

Bis diese Stunde schreckte mich kein SchauenDer Geister, guter, böser. Zittr' ich nun?

Und fühl' am Herzen fremden kalten Thau!

Doch kann ich thun, was mich im Tiefsten widert,Der Erde Schrecken ruf' ich auf. — Es nachtet!

Aus Lyron's Manfred.

Bann fluch.

Wenn der Mond ist auf der Welle,Wenn der Glühwurm ist im Gras,

Und ein Scheinlicht auf dem Grabe,Irres Licht auf dem Morast,

Wenn die Sterne fallend schießen,

Eule der Eul' erwiedernd heult,

Und die Blätter schweigend ruhenAn des dunkeln Hügels Wand,

Meine Seel' sey auf der deinenMit Gewalt und Zeichenwink!

Ist dein Schlummer noch so tief,Kommt dein Geist doch nie zum Schlaf.Da sind Schatten, die nicht schwinden,Da Gedanken, die nicht bannest.

Die Gewalt, die du nicht kennest,

Läßt dich nimmermehr allein.

Bist in's Leichentuch gewindelt,Eingehüllt in einer Wolke,

Und für immer, immer wohnst duIn dem Geiste dieses Spruchs.

Siehst mich nicht vorüber gehen,

Fühlst mich doch in deinem Auge,

Als ein Ding, das ungesehenNah dir seyn muß, wie es war,

Und wenn du, geheim durchschaudcrt,Deinen Kopf umwendend blickest,

Sollst dich wundern, daß nicht etwaWie ein Schatten bin zur Stelle;

Nein! die Kraft, die du empfunden,

Ist was sich in dir verbirgt.

Und ein Zauberwort und LiedTaufte dich mit einem Fluch,

Und schon hat ein Geist der LustDich umgarnt mit einer Schlinge.

In dem Wind ist eine Stimme,

Die verbeut dir dich zu freuen.

Und wenn dir die Nacht versagtIhres reinen Himmels Ruhe,

Bringt der Tag eine Sonn' herauf;Wär' sie nieder! wünschest du.

Deinen falschen Thränen zog ichTödtlichste Essenzen aus,

Deinem eignen Herzen sog ichBlut, das schwärzeste, vom Quell,

Deinem Lächeln lockt' ich Schlangen,

Dort geheim geringelt, ab,

Deinem Lippcnpaar entsaugt' ichAllerschlimmstes aller Gifte.

Jedem Gift, das ich erprobet,

Schlimmer ist dein eignes doch.

Bei deiner kalten Brust, dem Schlangenlächelu,Der Arglist unergründlichem Schlund,

Bei dem so tugendsam scheinenden Auge,

Bei der verschlossenen Seele Trug,

Bei der Vollendung deiner Künste,

Dem Wahn, du tragest ein menschliches Herz,Bei deinem Gefallen an Anderer Pein,

Bei deiner Cains-BruderschaftBeschwöre ich dich und nöthigeDich selbst dir eigne Hölle zu seyn!

Auf dein Haupt gieß' ich die Schale,

Die dich solchem Urtheil widmet,

Nicht zu schlafen, nicht zu sterbenSey dein dauernd Mißgeschick;

Scheinbar soll der Tod sich nahenDeinem Wunsch, doch nur als Grauen.

Schau! der Zauber wirkt umher dir,

Dich geklirrlos fesselt Kette;

Ueber Herz und Hirn zusammenIst der Spruch ergangen — schwinde!

Der fünfte Mai.

Ode von Alerander Manzoni.

Er war — und wie, bewegungslosNach letztem Hauche-SeufzerDie Hülle lag, uneingedenk,

Verwaist von solchem Geiste:

So tief getroffen, starr erstauntDie Erde steht der Botschaft.

Stumm, sinnend nach der letztestenStund« des Schreckensmannes,

Sie wüßte nicht ob solcherleiFußstapfen MenschenfußesNochmals den blutgefärbten StaubZu stempeln sich erkühnten.

Ihn wetterstrahlend auf dem ThronErblickte die Muse schweigend,Sodann im Wechsel immerfortIhn fallen, steigen, liegen;

Zu tausend Stimmen Klang und RufVermischte sie nicht die ihre.