Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Splüchr in Reimen,

„Was ist denn deine Absicht gewesen,Jetzt neue Feuer anzubrennen?"Diejenigen sollen'? lesen,

Die mich nicht mehr hören können.

Einen langen Tag über lebt' ich schön,Eine kurze Nacht;

Die Sonne war eben im Aufgehn,

Als ich zu neuem Tag erwacht.

„Deine Zöglinge möchten dich fragen:Lange lebten wir gern auf Erden,Was willst du uns für Lehre sagen?"Keine Kunst ist's alt zu werden,

Es ist Kunst, es zu ertragen.

Nachdem einer ringt,

Also ihm gelingt,

Wenn Manneskraft und Hab'Ihm Gott zum Willen gab.

Den hochbestandnen FöhrenwaldPflanzt' ich in jungen Tagen,

Er freut mich sol — ! — ! — Man wird ihn baldAls Brennholz niederschlagen.

Die Axt erklingt, da blinkt schon jedes Beil;Die Eiche fällt und jeder holzt sein Theil.

Ein alter Mann ist stets ein König Lear! —Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,

Ist längst vorbei gegangen;

Was mit und an dir liebte, litt,

Hat sich wo anders angehangen;

Die Jugend ist um ihretwillen hier,

Es wäre thörig zu verlangen:

Komm ältele du mit mir.

Gutes zu empfangen, zn erweisen,Alter! geh' auf Reisen. —

Meine Freunde

Sind aus einer Mittelzeit,

Eine schöne Gemeinde;

Weit und breit,

Auch entfernt,

Haben sie von mir gelernt,

In Gesinnung treu;

Haben nicht an mir gelitten,

Ich hab' ihnen nichts abzubitten;Als Person komm' ich neu,

Wir haben kein Conto mit einander,Sind wie im Paradies selbander.

Mit dieser Welt ist's keiner Wege richtig;Vergebens bist du brav, vergebens tüchtig,Sie will uns zahm, sie will sogar uns nichtig!

Von heiligen Männern und von weisenLieß ich mich recht gern unterweisen;

Aber es müßte kurz geschehn,

Langes Reden will mir nicht anstehn:Wornach soll man am Ende trachten?

Die Welt zn kennen und sie nicht verachten.

Hast du es so lange wie ich getrieben,Versuche wie ich das Leben zu lieben.

Ruhig soll ich hier verpassenMeine Müh' und Fleiß;Alles soll ich gelten lassen,Was ich besser weiß.

Hör' auf doch mit Weisheit zu prahlen, zu prangen,Bescheidenheit würde dir löblicher stehn:

Kaum hast du die Fehler der Jugend begangen,

So mußt du die Fehler des Alters begehn.

Liebe leidet nicht Gesellen,

Aber Leiden sucht und hegt sie;Lebenswoge, Well' auf Wellen,Einen wie deti andern trägt sie.

Einsam oder auch selbander,Unter Lieben, unter Leiden,Werden vor und nach einanderEiner mit dem andern scheiden.

Wie es dir nicht im Leben ziemt,

Mußt du nach Ruhm auch nicht am Ende jagen:Denn bist du nur erst hundert Jahr berühmt,

So weiß kein Mensch mehr was von dir zu sagen.

Jn's holde Leben wenn dich Götter senden,Genieße wohlgemuth und froh!

Scheint es bedenklich dich hinaus zu wenden,Nimm dir's nicht übel: allen scheint es so.