Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Reimen.

201

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,

Die Sonne könnt' es nie erblicken;

Lag' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,Wie konnt' uns Göttliches entzücken!

Was auch als Wahrheit oder FabelIn tausend Büchern dir erscheint,Doch alles ist ein Thurm zu Babel,Wenn es die Liebe nicht vereint.

Das Beste in der WeltIst ohne Dank;

Gesunder Mensch ohne GeldIst halb krank.

Wohl! wer auf rechter SpurSich in der Stille siedelt;Im Offnen tanzt sich's nur,So lang Fortuna fiedelt.

Du irrest, Salomo!

Nicht alles nenn' ich eitel;Bleibt doch dem Greise selbstNoch immer Wein und Beutel.

Ueberall trinkt man guten Wein,

Jedes Gesäß genügt dem Zecher;

Doch soll es mit Wonne getrunken seyn,

So wünsch' ich mir künstlichen griechischen Becher.

Künstler! zeiget nur den AugenFarbenfülle, reines Rund!Was den Seelen möge taugen,Seyd gesund und wirkt gesund.

Entweicht, wo düstre Dummheit gerne schweift,Inbrünstig aufnimmt, was sie nicht begreift,

Wo Schreckensmährchen schleichen, stutzend fliehn,Und unermeßlich Maaße lang sich ziehn.

Modergrün aus Dante's HölleBannet fern von eurem Kreis,Ladet zu der klaren QuelleGlücklich Naturell und Fleiß.

Und so haltet, liebe Söhne,Einzig euch auf eurem Stand;Denn das Gute, Liebe, Schöne,Leben ist's dem Lebensband.

„Denkst du nicht auch an ein Testament?"Keineswegs! Wie man vom Leben sich trennt,

So muß man sich trennen von Jungen und Alten,Die werden's alle ganz anders halten.

„Geht dir denn das von Herzen,Was man von dir hört und liest?"Sollte man das nicht bescherzen,Was uns verdrießt?

Sie schelten einander Egoisten;

Will jeder doch nur sein Leben fristen.Wenn der und der ein Egoist,

So denke, daß du es selber bist.

Du willst nach deiner Art bestehn,

Mußt selbst auf deinen Nutzen sehn!Dann werdet ihr das Geheimniß besitzen,Euch sämmtlich unter einander zu nützen;Doch den laßt nicht zu euch herein,

Der andern schadet, um etwas zu seyn.

Bei so verworrnem SpieleWird mir wahrhaftig bang!

Es giebt der Menschen so viele,Und es ist der Tag so lang.

Volle sechsundsiebzig Jahre sind geschieden,Und nun dächt' ich, wäre Zeit zum Frieden:Tag für Tag wird wider Willen klüger,Amor jubilirt und Mars der Krieger.

Was lassen sie denn übrig zuletzt,Jene unbescheidnen Besen?Behauptet doch Heute steif und fest,Gestern sey nicht gewesen.

Es mag sich Feindliches ereignen,

Du bleibe ruhig, bleibe stumm;

Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,Geh' ihnen vor der Nas' herum.