Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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202

Sprüche in Reimen.

Vieljähriges dürst' ich euch wohl vertrauen!Das Offenbare wäre leicht zu schauen,Wenn nicht die Stunde sich selbst verzehrte,Und immer warnend wenig belehrte.

Wer ist der Kluge, wer ist der Thor?

Wir sind eben sämmtlich als wie zuvor.

„Was hast du denn? Unruhig bist du nichtUnd auch nicht ruhig, machst mir ein Gesicht,

Als schwanktest du, magnetischen Schlaf zu ahnen.Der Alte schlummert wie das Kind,

Und wie wir eben Menschen sind,

Wir schlafen sämmtlich auf Vulcanen.

Zahme Leinen.

IV.

Laßt zahme Genien immer walten,

Der Dichter nimmer gebückt ist.

Ihr ließt verrückten Werther schalten,

So lernt nun, wie das Alter verrückt ist.

Den Vortheil hat der Dichter:

Wie die Gemeinde prüft und probt,So ist sie auch sein Richter;

Da wird er nun gescholten, gelobt,Und bleibt immer ein Dichter.

Es schnurrt mein TagebuchAm Bratenwender:

Nichts schreibt sich leichter vollAls ein Kalender.

„Ruf' ich, da will mir keiner horchen;Hab' ich das um die Leute verdient?"Es möchte niemand mehr gehorchen,Wären aber alle gern gut bedient.

„Wann wird der Herr seine Freude sehn?"Wenn er befiehlt, mit Sinnen,

Ehrlichen Leuten, die's recht verstehn,

Und läßt sie was gewinnen.

„Wer ist ein unbrauchbarer Mann?"

Der nicht befehlen und auch nicht gehorchen kann.

„Sage, warum dich die Menschen verlassen?"Glaubet nicht, daß sie mich deßhalb hassen;Auch bei mir will sich die Lust verlieren,

Mit irgend jemand zu conversiren.

So hoch die Nase reicht, da mag's wohl gehn;Was aber drüber ist, können sie nicht sehn.

Wie einer ist, so ist sein Gott;Darum ward Gott so oft zu Spott.

Geh' ich, so wird der Schade größer;Bleib' ich, so wird es auch nicht besser.

„Sey einmal ehrlich nur:

Wo findest du in deutscher LiteraturDie größte Versänglichkeit?"

Wir sind von vielen Seiten groß,Doch hie und da giebt sich blosBedauerlichste Unzulänglichkeit.

Jn's Teufels Namen,

Was sind denn eure Namen!

Im deutschen MerkurIst keine SpurVon Vater Wieland,

Der steht auf dem blauen Einband;Und hinter dem verfluchtesten ReimDer Name Gleim.

„Verzeihe mir, du gefällst mir nicht,

Und schiltst du nicht, so schneid'st ein Gesicht,Wo sämmtliche loben und preisen!"

Daß wenn man das Eine von vornen bedeckt,Das Andre bleibt hinten hinaus gestreckt,

Das soll ein Anstand heißen!

„Sage, wie es dir nur gefällt,

Solch zerstückeltes Zeug zu treiben?"

Seht nur hin! Für gebildete Welt

Darf man nichts anders beginnen und schreiben.

„Warum willst du das junge BlutSo schnöde von dir entfernen?"Sie machen's alle hübsch und gut,Aber sie wollen nichts lernen.