Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Reimen.

203

Die holden jungen GeisterSind alle von einem Schlag:Sie nennen mich ihren Meister,Und gehn der Nase nach.

Mit seltsamen GeberdenGiebt man sich viele Pein,

Kein Mensch will etwas werden,Ein jeder will schon was seyn.

„Willst dich nicht gern vom Alten entfernen?Hat denn das Neue so gar kein Gewicht?"Umlernen müßte man immer, umlernen!Und wenn man umlernt, da lebt man nicht.

„Sag' uns Jungen doch auch was zu Liebe."Nun! daß ich euch Jungen gar herzlichen liebe!Denn als ich war als Junge gesetzt,

Hatt' ich mich auch viel lieber als jetzt.

Ich neide nichts, ich lass' es gehn,

Und kann mich immer manchem gleich erhalten;Zahnreihen aber, junge, neidlos anzusehn,

Das ist die größte Prüfung mein, des Alten.

Künstler! dich selbst zu adelnMußt du bescheiden Prahlen;

Laß dich heute loben, morgen tadelnUnd immer bezahlen.

Als Knabe nahm ich mir's zur Lehre,Welt sey ein allerliebster Spaß,

Als wenn es Vater und Mutter wäre;Dann — etwas anders fand ich das.

Die klugen Leute gefallen mir nicht —

Ich tadle mich selbst auch wohl zuweilen —Sie heißen das Vorsicht,

Wenn sie sich übereilen.

„Anders lesen Knaben den Terenz,Anders Grotius."

Mich Knaben ärgerte die Sentenz,Die ich nun gelten lassen muß.

„So widerstrebe! Das wird dich adeln;Willst vor der Feierstunde schon ruhn?"Ich bin zu alt, um etwas zu tadeln,Doch immer jung genug, etwas zu thun.

„Du bist ein wunderlicher Mann,

Warum verstummst du vor diesem Gesicht?"Was ich nicht loben kann,

Davon sprech' ich nicht.

„Bei mancherlei GeschäftigkeitHast dich ungeschickt benommen."Ohne jene VerrücktheitWär' ich nicht so weit gekommen.

„Laß doch, was du halb vollbracht,Mich und andre kennen!"

Weil es uns nur irre macht,Wollen wir's verbrennen.

„Willst du uns denn nicht auch was gönnen?Kannst ja, was mancher andre kann."

Wenn sie mich heute verbrauchen können,Dann bin ich ihnen ein rechter Mann.

Das alles ist nicht mein Bereich,

Was soll ich mir viel Sorge machen?Die Fische schwimmen glatt im Teich,Und kümmern sich nicht um den Nachen.

Mit der Welt muß niemand leben,

Als wer sie brauchen will;

Ist er brauchbar und still,

Sollt' er sich lieber dem Teufel ergeben,Als zu thun was sie will.

„Was lehr' ich dich vor allen Dingen?"

Möchte über meinen eignen Schatten springen!

Sie möchten gerne frei seyn,

Lange kann das einerlei seyn;

Wo es aber drunter und drüber geht,Ein Heiliger wird angefleht,

Und wollen die alten uns nicht befreien,So macht man sich behend einen neuen;Im Schiffbruch jammert jedermann,Daß keiner mehr als der andre kann.