Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Reimen.

Dagegen man auch nicht gerne hörtWenn der Tag den Tag zerstört.

Wenn einer sorgt und redlich denkt,

Kommt andrer wohl und heiter und schenkt.

Das sind die besten Zutreffen

Die Schuldner und Gläubiger vergessen.

Ich bin ein armer Mann,Schätze mich aber nicht gering:Die Armuth ist ein ehrlich Ding,Wer mit umgehn kann.

Erlauchte Bettler hab' ich gekannt,Künstler und Philosophen genannt;Doch müßt' ich niemand, ungeprahlt,Der seine Zeche besser bezahlt.

„Was hat dich nur von uns entfernt?"Hab' immer den Plutarch gelesen.„Was hast du denn dabei gelernt?"Sind eben alles Menschen gewesen.

Cato wollte wohl andre strafen;Selbander möcht' er gerne schlafen.

Deßhalb er sich zur UnzeitMit Schwiegertochter und Sohn entzweit,Auch eine junge Frau genommen,Welches ihm gar nicht wohl bekommen;Wie Kaiser Friedrich der letzteVäterlich auseinander setzte.

„Was willst du, redend zur Menge,

Dich selbst fürtrefflich Preisen?"

Cato selbst war ruhmredig, der Strenge,Plutarch will's ihm gar ernst verweisen.

Man könnt' erzogene Kinder gebären,Wenn die Eltern erzogen wären.

Ich bin euch sämmtlichen zur Last,Einigen auch sogar verhaßt;

Das hat aber gar nichts zu sagen:

Denn mir behagt's in alten Tagen,

So wie es mir in jungen behagte,

Daß ich nach Alt und Jung nicht fragte.

Mit sich selbst zu Rathe gehn,Immer wird's am besten stehn:Gern im Freien, gern zu Haus,Lausche da und dort hinaus,

Und controlire dich für und für,

Da horchen Alt und Jung nach dir.

Die Leinen sie wandeln zahm,

Der Dichter hält sich nicht für lahm;Belieben euch aber geschärftere Sachen,So wartet, bis die wilden erwachen.

Sibyllinisch mit meinem GesichtSoll ich im Alter prahlen?Jemehr es ihm an Fülle gebricht,Desto öfter wollen sie's malen!

„Jst's in der Näh'? Kam's aus der Ferne?Was beugte dich heute so schwer?"

Ich spaßte wohl am Abend gerne,

Wenn nur der Tag nicht so ernsthaft wär'.

Gott hat die Gradheit selbst an's Herz genommen,Auf gradem Weg ist niemand umgekommen.

Wirst du die frommen Wahrheitswege gehen,Dich selbst und andere trügst du nie.

Die Frömmelei läßt Falsches auch bestehen,Derwegen Hass ich sie.

Was ich in meinem Haus ertrag',

Das sieht ein Fremder am ersten Tag;Doch ändert er sich's nicht zu Liebe,Und wenn er hundert Jahre bliebe.

Du sehnst dich weit hinaus zu wandern,Bereitest dich zu raschem Flug;

Dir selbst sey treu und treu den andern,Dann ist die Enge weit genug.

Wie auch die Welt sich stellen mag,Der Tag immer belügt den Tag.