Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Sprüche in Reime».

213

Noch seine Meister und seine Gesellen,Die sich vor Mit- und Nachwelt stellen;Es gilt, ihr mögt es leicht erproben,Die Paare, wie sie sich verloben.

Ihr schmähet meine Dichtung;Was habt ihr denn gethan?Wahrhaftig, die VernichtungVerneinend fängt sie an.

Doch ihren scharfen BesenStrengt sie vergebens an;

Ihr seyd gar nicht gewesen!Wo träfe sie euch an?

Haben da und dort zu mäkeln.

An dem äußern Rand zu häkeln,Machen mir den kleinen Krieg.Doch ihr schadet eurem Rufe;Weilt nicht auf der niedern Stufe,Die ich längst schon überstieg!

„Die Feinde, sie bedrohen dich,Das mehrt von Tag zu Tage sich;Wie dir doch gar nicht graut!"Das seh' ich alles unbewegt,

Sie zerren an der Schlangenhaut,Die jüngst ich abgelegt.

Und ist die nächste reif genung,Abstreist ich die sogleich,

Und wandle neu belebt und jungIm frischen GLtterreich.

Ihr guten Kinder,

Ihr armen Sünder,Zupft mir am Mantel.Laßt nur den Handel!Ich werde wallenUnd lass' ihn fallen;Wer ihn erwischet,

Der ist erfrischet.

Ueber Moses Leichnam strittenSelige mit Fluchdämonen;

Lag er doch in ihrer Mitten,Kannten sie doch kein Verschonen!Greift der stets bewußte MeisterNochmals zum bewährten Stäbe,Hämmert auf die Pustrichsgeister;Engel brachten ihn zu Grabe.

Zahme Feinen.

VI.

Wisse, daß mir sehr mißfällt,

Wenn so Viele singen und reden!

Wer treibt die Dichtkunst aus der Welt?Die Poeten!

So wie der Papst auf seinem Thron,

So sitzt L-A auf seinem Lohn;

Er ist bepfründet — hat er mehr zu hoffen?Die Welt ist weit, den Narren steht sie offen.Wir sind behäglich, können thätig ruhn;

Macht euch, ihr Thoren, Tag für Tag zu thun.

Autochthonisch, autodidaktischLebst du so hin, verblendete Seele!Komm nur heran, versuche dich! praktischMerkst du verdrießlich wie's überall fehle.

„Ich hielt mich stets von Meistern entfernt;Nachtteten wäre mir Schmach!

Hab' alles von mir selbst gelernt."

Es ist auch darnach!

Anschaun, wenn es dir gelingt,Daß es erst in's Innre dringt,Dann nach außen wiederkehrt,Bist am herrlichsten belehrt.

Niemand wird sich selber kennen,Sich von seinem Selbst-Ich trennen;Doch probir' er jeden TagWas nach außen endlich, klar,

Was er ist und was er war,

Was er kann und was er mag.

Wie sind die Vielen doch beflissen!Und es verwirrt sie nur der Fleiß.Sie möchten'? gerne anders wissenAls einer, der das Rechte weiß.

Verfahre ruhig, still,

Brauchst dich nicht anzupassen;Nur wer was gelten will,Muß andre gelten lassen.