Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche tu Prosa.

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Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer aufdem Wege, entsetzliches Unglück anzurichten.

„Blasen ist nicht flöten, ihr müßt die Finger bewegen."

Die Botaniker haben eine Pflanzenabtheilung, die sie In-ooinpletns nennen; man kann eben auch sagen, daß es incom-plete, unvollständige Menschen giebt. Es sind diejenigen, derenSehnsucht und Streben mit ihrem Thun und Leisten nicht pro-portionirt ist.

Der geringste Mensch kanncomplet sehn, wenn er sich inner-halb der Gränzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt;aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben undvernichtet, wenn jenes unerläßlich geforderte Ebenmaaß abgeht.Dieses Unheil wird sich in der neuem Zeit noch öfter hervorthun;denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigertenGegenwart, und zwar in schnellster Bewegung, genugthunkönnen?

Nur klugthäüge Menschen, die ihre Kräfte kennen und siemit Maaß und Gescheidtigkeit benutzen, werden es im Weltwesenweit bringen.

Ein großer Fehler: daß man sich mehr dünkt, als man ist,und sich weniger schätzt, als man werth ist.

Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ichnichts verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange,daß ich manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mitfortzuschwimmen; und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksammachen möchte: daß dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahneben deßhalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nichtder Willkür der Wellen, sondern dem Willen seiner EinsichtFolge leiste.

Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahingelangen, dasjenige für tadelnswerth und schädlich anzusehen,was jedermann treibt, billigt und fördert? warnm soll er sichnicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen?

Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werdenläßt, muß ich halten, daß man im nächsten Augenblick den vor-hergehenden verspeist, den Tag im Tage verthut, und so immeraus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zubringen. Haben wir doch schon Blätter für sämmtliche Tages-zeiten! ein guter Kopf konnte wohl noch eins und das andere in-tercaliren. Dadurch wird alles, was ein jeder thut, treibt, dichtet,ja was er vor hat, in's Oeffentliche geschleppt. Niemand darfsich freuen oder leiden als zum Zeitvertreib der übrigen, und soGoethe, Werke. I.

i springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reichzu Reich und zuletzt von Welttheil zu Welttheil, alles veloci-ferisch.

So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, sowenig ist dieß auch im Sittlichen möglich: die Lebhaftigkeit desHandels, das Durchraufchen des Papiergelds, das Anschwellender Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die un-geheuren Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetztist. Wohl ihm, wenn er von der Natur mit mäßigem, ruhigemSinn begabt ist, um weder unverhältnißmäßige Forderungenan die Welt zu machen, noch auch von ihr sich bestimmen zulassen.

Aber in einem jeden Kreise bedroht ihn der Tagesgeist, undnichts ist nöthiger, als früh genug ihm die Richtung bemerklichzu machen, wohin sein Wille zu steuern hat.

Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden undHandlungenwächst mit den Jahren, und wen ich länger um mich sehe, densuche ich immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschiedstattfinde zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Jndiscretion,ja daß eigentlich kein Unterschied sey, vielmehr nur ein leiserUebergang vom Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher be-merkt oder vielmehr empfunden werden müsse.

Hierauf haben wir unsern Tact zu üben, sonst laufen wirGefahr, auf dem Wege, worauf wir uns die Gunst der Menschenerwarben, sie ganz unversehens wieder zu verscherzen. Das be-greift man wohl im Laufe des Lebens von selbst, aber erst nachbezahltem theurem Lehrgelde, das man leider seinen Nachkom-menden nicht ersparen kann.

Das Verhältniß der Künste und Wissenschaften zum Lebenist, nach Verhältniß der Stufen, worauf sie stehen, nach Be-schaffenheit der Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten, sehrverschieden; deßwegen auch niemand darüber im Ganzen leichtklug werden kann.

Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seyennun ganz roh, halbcultivirt, oder bei Abänderung einer Cultur,beim Gewahrwerden einer fremden Cultur; daß man also sagenkann, die Wirkung der Neuheit findet durchaus statt.

Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, javielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehrwirkt sie.

Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht ameminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden

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