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Sprüche in Prosa.
Literatur ist das Fragment der Fragmente; das Wenigstedessen, was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben,vom Geschriebenen ist das Wenigste übrig geblieben.
Und doch bei aller Unvollständigkeit des Literarwesens findenwir tausendfältige Wiederholung, woraus hervorgeht, wie beschränktdes Menschen Geist und Schicksal sey.
Den einzelnen Verkehrtheiten des Tags sollte man immer nurgroße weltgeschichtliche Massen entgegensetzen.
Da wir denn doch zu dieser allgemeinen Weltberathung alsAssessoren, obgleich sins voto, berufen sind und wir uns vonden Zeitungsschreibern tagtäglich referiren lassen: so ist es einGlück, auch aus der Vorzeit tüchtig Referirende zu finden. Fürmich sind von Räumer und Wachter in den neuesten Tagendergleichen geworden.
Die Frage: wer höher steht, der Historiker oder der Dichter?darf gar nicht aufgeworfen werden; sie concurriren nicht mit ein-ander, so wenig als der Wettlaufen und der Fanstkämpfer. Je-dem gebührt seine eigene Krone.
Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: erst gegen sich selbst,dann gegen den Leser. Bei sich selbst muß er genau prüfen, waswohl geschehen seyn könnte, und um des Lesers willen muß erfestsetzen, was geschehen sey. Wie er mit sich selbst handelt, mager mit seinen Collegen ausmachen, das Publicum muß aber nichtin's Geheimniß hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als ent-schieden ausgemacht kann angesprochen werden.
Es geht uns mit Büchern wie mit neuen Bekanntschaften.Die erste Zeit sind wir hoch vergnügt, wenn wir im Allgemei-nen Uebereinstimmung finden, wenn wir uns an irgend einerHauptseite unserer Existenz freundlich berührt fühlen; bei nähererBekanntschaft treten alsdann erst die Differenzen hervor, und daist denn die Hauptsache eines vernünftigen Betragens, daß mannicht, wie etwa in der Jugend geschieht, sogleich zurückschaudere,sondern daß man gerade das Uebercinstimmende recht fest halte,und sich über die Differenzen vollkommen aufkläre, ohne sich deß-halb vereinigen zu wollen.
Eine solche freundlich - belehrende Unterhaltung ist mir durchStiedenroth's Psychologie geworden. Alle Wirkung desAeußern anf's Innere trägt er unvergleichlich vor, und wirsehen die Welt nochmals nach und nach in uns entstehen. Abermit der Gegenwirkung des Innern nach außen gelingt es ihmnicht eben so. Der Entelechie, die nichts aufnimmt, ohne sich'sdurch eigene Zuthat anzueignen, läßt er nicht Gerechtigkeit wider-fahren, und mit dem Genie will es aus diesem Weg gar nicht
fort; und wenn er das Ideal aus der Erfahrung abzuleiten denktund sagt, das Kind idealisirt nicht, so mag man antwor-ten, das Kind zeugt nicht: denn zum Gewahrwerden des Ideel-len gehört auch eine Pubertät. Doch genug, er bleibt uns einwerther Gesell und Gefährte, und soll nicht von'unserer Seitekommen.
Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, daß keine äußereEinwirkung aus sie ohne Gegenwirkung bleibt.
Die Gegenwirkung eines vorzüglich kindlichen Wesens ist so-gar leidenschaftlich; das Eingreifen tüchtig.
^ Deßhalb leben Kinder in Schnellurtheilen, um nicht zu sagen^ in Vorurtheilen; denn bis das schnell, aber einseitig Gefaßte sichauslöscht, um einem Allgemeinern Platz zu machen, erfordert es! Zeit. Hierauf zu achten ist eine der größten Pflichten des Erziehers.
Ein zweijähriger Knabe hatte die Geburtstagsfeier begriffen,an der seinigen die bescheerten Gaben mit Dank und Freude sichzugeeignet, nicht weniger dem Bruder die seinigen bei gleichemFeste gegönnt.
Hiedurch veranlaßt fragte er am Weihnachtsabend, wo soviele Geschenke vorlagen: wann denn sein Weihnachten komme?Dieß allgemeine Fest zu begreifen war noch ein ganzes Jahrnöthig.
Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen ist,daß man immer das Innere und Aeußere parallel, oder viel-mehr verflochten betrachten muß. Es ist immerfort Systole undDiastole, Einathmen und Ausathmen des lebendigen Wesens;kann man es auch nicht aussprechen, so beobachte man es genauund merke darauf.
Mein Verhältniß zu Schiller gründete sich auf die entschie-dene Richtung beider auf einen Zweck, unsere gemeinsame Thä-tigkeit auf die Verschiedenheit der Mittel, wodurch wir jenen zuerreichen strebten.
Bei einer zarten Differenz, die einst zwischen uns zur Sprachekam, und woran ich durch eine Stelle seines Briefs wieder er-innert werde, macht' ich folgende Betrachtungen:
Es ist ein großer Unterschied, ob der Dichter zum Allgemei-nen das Besondere sucht, oder im Besondern das Allgemeineschaut. Aus jener Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nurals Beispiel, als Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aberist eigentlich die Natur der Poesie; sie spricht ein Besonderes aus,ohne an's Allgemeine zu denken, oder darauf hinzuweisen. Wernun dieses Besondere lebendig faßt, erhält zugleich das Allge-meine mit, ohne es gewahr zu werden, oder erst spät.