Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche

wenige empfänglich sind, und das ist schon genug. Das Talententwickelt im Praktischen alles und braucht von den theoretischenEinzelnheiten nicht Notiz zu nehmen: der Musicus kann ohneseinen Schaden den Bildhauer ignoriren und umgekehrt.

Man soll sich alles praktisch denken und deshalb auch dahintrachten, daß verwandte Manifestationen der großen Idee, in so-fern sie durch Menschen zur Erscheinung kommen sollen, aufeine gehörige Weise in einander wirken. Malerei, Plastik undMimik stehen in einem unzertrennlichen Bezug; doch muß derKünstler, zu dem einen berufen, sich hüten, von dem andern be-schädigt zu werden: der Bildhauer kann sich vom Maler, derMaler vom Mimiker verführen lassen, und alle drei können ein-ander so verwirren, daß keiner derselben auf den Füßen stehenbleibt.

Die mimische Tanzkunst würde eigentlich alle bildenden Künstezu Grunde richten, und mit Recht. Glücklicherweise ist der Sin-nenreiz, den sie bewirkt, so flüchtig, und sie muß, um zu reizen,in's Uebertriebene gehen. Dieses schreckt die übrigen Künstlerglücklicherweise sogleich ab; doch können sie, wenn sie klug undvorsichtig sind, viel dabei lernen.

Vierte Äbtheilimg.

Madame Roland, auf dem Blutgerüste, verlangte Schreib-zeug, um die ganz besondern Gedanken aufzuschreiben, die ihrauf dem letzten Wege vorgeschwebt. Schade, daß man ihr's ver-sagte ! denn am Ende des Lebens gehen dem gefaßten Geiste Ge-danken auf, bisher undenkbare; sie sind wie selige Dämonen, diesich auf den Gipfeln der Vergangenheit glänzend niederlassen.

Man sagt sich oft im Leben, daß man die Vielgeschäftigkeitvermeiden, besonders, je älter man wird,sich desto weniger in ein neues Geschäft einlassen solle. Aber manhat gut reden, gut sich und Andern rathen. Aelter werdenheißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verän-dern sich, und man muß entweder zu handeln ganz aufhören, odermit Willen und Bewußtseyn das neue Rollenfach übernehmen.

Große Talente sind selten, und selten ist es, daß sie sich selbsterkennen; nun aber hat kräftiges unbewußtes Handeln und Sin-nen so höchst erfreuliche als unerfreuliche Folgen, und in solchemConflict schwindet ein bedeutendes Leben vorüber. Hievon erge-ben sich in Medwin's Unterhaltungen so merkwürdige alstraurige Beispiele.

Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu re-den; behaupten aber darf ich: daß wer es in der Erscheinung an-Goekhe, Werke. I.

in Prosa. 241

erkannt und immer im Auge behalten hat, sehr großen Gewinndavon erfahren wird.

In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wennes möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandt-niß: treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber dieWelt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann.

Napoleon, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch imBewußtseyn nicht erfassen; er läugnet alles Ideelle durchaus undspricht ihm jede Wirklichkeit ab, indessen er eifrig es zu verwirk-lichen trachtet. Einen solchen innern perpetuirlichen Widerspruchkann aber sein klarer, unbestechlicher Verstand nicht ertragen, undes ist höchst wichtig, wenn er, gleichsam genöthigt, sich darübergar eigen und unmuthig ausdrückt.

Er betrachtet die Idee als ein geistiges Wesen, das zwar keineRealität hat, aber wenn es verfliegt, ein Residuum (Caput mor-tuum) zurückläßt, dem wir die Wirklichkeit nicht ganz absprechenkönnen. Wenn dieses uns auch starr und materiell genug schei-nen mag, so spricht er sich ganz anders aus, wenn er von denunaufhaltsamen Folgen seines Lebens und Treibens mit Glaubenund Zutrauen die Seinen unterhält. Da gesteht er wohl gern,daß Leben Lebendiges hervorbringe, daß eine gründliche Befruch-tung aus alle Zeiten hinauswirke. Er gefällt sich zu bekennen,daß er dem Weltgange eine frische Anregung, eine neue Richtunggegeben habe.

Höchst bemerkenswert!- bleibt es immer, daß Menschen, de-ren Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor demPhantastischen scheuen. So war Hamann, dem es unerträglichschien, wenn von Dingen einer andern Welt gesprochenwurde. Er drückte sich gelegentlich darüber in einem gewissenParagraphen aus, den er aber, weil er ihm unzulänglich schien,vierzehnmal variirte und sich doch immer wahrscheinlich nicht genugthat. Zwei von diesen Versuchen sind uns übrig geblieben; einendritten haben wir selbst gewagt, welchen hier abdrucken zu lassenwir durch Obenstehendes veranlaßt sind.

Der Mensch ist als wirklich in die Mitte.einer wirklichenWelt gesetzt und mit solchen Organen begabt, daß er das Wirk-liche und nebenbei das Mögliche erkennen und hervorbringenkann. Alle gesunden Menschen haben die Ueberzeugung ihresDaseyns und eines Daseyenden um sie her. Indessen giebt esauch einen hohlen Fleck im Gehirn, d. h. eine Stelle wo sich keinGegenstand abspiegelt, wie denn auch im Auge selbst ein Fleck-chen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf diese Stelle beson-ders aufmerksam, vertieft er sich darin, so verfällt er in eineGeisteskrankheit, ahnet hier Dinge aus einer andernWelt,die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch Begrän-zung haben, sondern als leere Nachträumlichkeit ängstigen undden, der sich nicht losreißt, mehr als gespensterhaft verfolgen.

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