Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa. 249

Censur und Preßfreiheit werden immerfort mit einanderkämpfen. Censur fordert und übt der Mächtige, Preßfreiheitverlangt der Mindere. Jener will weder in seinen Planen nochseiner Thätigkeit durch vorlautes widersprechendes Wesen gehin-dert, sondern gehorcht seyn; dieser möchte seine Gründe aus-sprechen, um den Ungehorsam zu legitimiren.

Doch muß man auch hier bemerken, daß der Schwächere,der leidende Theil, gleichfalls auf seine Weise die Preßfreiheitzu unterdrücken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er con-spirirt und nicht verrathen seyn will.

Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst.

Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wieKindheitsich zu Kind verhält, so das Verhältniß Volkheit zumVolke ausdrückt. Der Erzieher muß die Kindheit hören, nichtdas Kind. Der Gesetzgeber und Regent die Volkheit, nichtdas Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig,beständig, rein und wahr. Dieses weiß niemals für lauterWollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann dasGesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit seyn,ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber derVerständige vernimmt, den der Vernünftige zu befriedigen weiß,und der Gute gern befriedigt.

Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragenwir nicht — wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, unsabzusetzen, darum bekümmern wir uns nicht — wir hüten unsnur, daß es nicht in Versuchung komme, es zu thun.

Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wirnichts; die Todesstrafen abzuschaffen wird schwer halten. Ge-schieht es, so rufen wir sie gelegentlich wieder zurück.

Wenn sich die Societät des Rechtes begiebt, die Todesstrafezu verfügen, so tritt die Selbsthülfe unmittelbar wieder hervor,die Blutrache klopft an die Thüre.

Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Jungeund Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel.

Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht derVernünftige, sondern die Vernunft.

Es ist nicht genug zu wissen, man muß auch anwenden;es ist nicht genug zu wollen, man muß auch thun.

Es giebt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wis-senschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzenWelt an, und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkungaller zugleich Lebenden, in steter Rücksicht auf das, was uns vomVergangnen übrig und bekannt ist, gefördert werden.

Der unschätzbare Vortheil, welchen die Ausländer gewinnen,indem sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studiren, ist der,daß sie über die Entwickelungskrankheiten, durch die wir nunschon beinahe während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehenmußten, auf einmal weggehoben werden, und wenn das Glückgut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wünschenswerthesteausbilden.

Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörendsind, ist Wieland neckend.

Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wiedem Ritter, es kommt nur darauf an, daß jeder seinen Zustandergreife und ihn nach Würden behandle.

„Was sind Tragödien anders als versificirte Passionen sol-cher Leute, die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht wasmachen?"

Aorik Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat;wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor istunnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele.

„Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen."

Das Gesicht ist der edelste Sinn, die andern vier belehrenuns nur durch die Organe des Tacts, wir hören, wir fühlen,riechen und betasten alles durch Berührung; das Gesicht abersteht unendlich höher, verfemt sich über die Materie und nähertsich den Fähigkeiten des Geistes.

Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würdenEifersucht und Haß wegfallen, die wir so oft gegen sie empfin-den; und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolzund Einbildung gar sehr abnehmen.

Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich.