Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkennedich selbst! so müssen wir es nicht im ascetischen Sinne aus-legen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernenHypochondrien, Humoristen und Heautontimorumenen damitgemeint; sondern es heißt ganz einfach: Gieb einigermaßen Achtauf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahrwerdest, wie du zu deines Gleichen und der Welt zu stehen kommst.Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien; jeder tüchtigeMensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rath,der einem jeden praktisch zum größten Vortheil gedeiht.

Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der Sokra-tischen Schule, daß sie Quelle und Richtschnur alles Lebens undThuns vor Augen stellt, nicht zu leerer Speculation, sondernzu Leben und That auffordert.

Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Alterthumhinweist, das Studium der Griechischen und Lateinischen Sprachefördert, so können wir uns Glück wünschen, daß diese zu einerhöhern Cultur so nöthigen Studien niemals rückgängig werden.

Wenn wir uns dem Alterthum gegenüber stellen, und esernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so ge-winnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zuMenschen würden.

Der Schulmann, indem er Lateinisch zu schreiben und zusprechen versucht, kommt sich höher und vornehmer vor, als ersich in seinem Alltagsleben dünken darf.

Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfäng-liche Geist fühlt sich, dem Alterthum gegenüber, in den un-muthigst ideellen Naturzustand versetzt; und noch auf den heuti-gen Tag haben die Homerischen Gesänge die Kraft, uns wenig-stens für Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welchedie Ueberlieferung von mehreren tausend Jahren auf uns ge-wälzt hat.

Es giebt nur zwei wahre Religionen, die eine, die das Heilige,das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere die es inder schönsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischenliegt, ist Götzendienst.

Es ist nicht zu läugnen, daß der Geist sich durch die Refor-mation zu befreien suchte; die Aufklärung über Griechisches undRömisches Alterthum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nacheinem freieren, anständigeren und geschmackvolleren Leben her-vor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, daß dasHerz in einen gewissen einfachen Natnrstand zurückzukehren unddie Einbildungskraft sich zu concentriren trachtete.

Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrie-ben, und von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde,Sinne, Gedanken, Gemüth auf den Erwachsenen, sittlichWirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher später alsHalbgott verklärt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrtwurde.

Er stand vor einem Hintergründe, wo der Schöpfer dasWeltall ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkungaus, seine Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seineVerklarung war das Pfand für eine ewige Dauer.

So wie der Weihrauch das Leben einer Kohle erfrischet, soerfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens.

Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, jemehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht und an-schaut, daß jedes Wort, das wir allgemein auffassen und imBesondern auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nachZeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen, besondern, unmittel-bar individuellen Bezug gehabt hat.

Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu refor-miren und gegen Andere zu Protestiren, wenn auch nicht inreligiösem Sinne.

Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, grund-ernstliche Bestreben: das Wort mit dem Empfundenen, Ge-schauten, Gedachten, Erfahrenen, Jmaginirten, Vernünftigen,möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen.

Jeder Prüfe sich und er wird finden, daß dieß viel schwerersey, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen dieWorte gewöhnlich Surrogate; er denkt und weiß es meistentheilsbesser, als er sich ausspricht.

Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Unge-hörige, Unzulängliche, was sich in uns und Andern entwickelnoder einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit aufdas möglichste zu beseitigen!

Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen.

Wo ich aufhören muß sittlich zu seyn, habe ich keine Ge-walt mehr.