Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

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größten Vortheil gereichte, daß die Außenwelt von ihr so spätNotiz nahm.

Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundertzurück, so finden wir, daß nichts um der Fremden willen ge-schehen ist.

Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissenwollte, das verdroß die Deutschen doch, und sie thaten dasMöglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.

Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau be-sehen, der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl thun,dieser Warnung nachzudenken.

Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, daß sie dasjenigeerklären wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen mansich beruhigen müßte.

Doch mag dieß auch Vortheilhast seyn, sonst unterließe mandas Forschen allzufrüh.

Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt,der wird übel dran seyn. Das Wissen fördert nicht mehr,bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man von allem Notizgenommen hat, verliert man sich selbst.

Eine allgemeine Ausbildung drängt uns jetzt die Weltohnehin auf, wir brauchen uns deßhalb darum nicht weiter zubemühen, das Besondere müssen wir uns zueignen.

Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nichtsuchen.

Lvrenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihnzu begreifen, darf man die sittliche und kirchliche Bildung seinerZeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken,daß er Lebensgenosse Warburton's gewesen.

Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr frech zuwerden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleich-gewicht herstellt.

Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innenbei ihm heraus; durch beständigen Conflict unterschied er dasWahre vorn Falschen, hielt am ersten fest und verhielt sich gegendas andere rücksichtslos.

Er fühlte einen entschiedenen Haß gegen Ernst, weil erdidaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wo-gegen er den äußersten Abscheu hegte. Daher seine Abneigunggegen Terminologie.

Bei den vielfachsten Studien und Lectüre entdeckte er überalldas Unzulängliche und Lächerliche.

Shaudeism nennt er die Unmöglichkeit, über einen ernstenGegenstand zwei Minuten zu denken.

Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Antheilund Gleichgültigkeit, von Leid und Freude; soll in dem Irländi-schen Charakter liegen.

Sagacität und Penetration sind bei ihm gränzenlos.

Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise,wo diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nichtleicht ihres Gleichen.

So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergötzt,eben so sehr werden wir gerade in diesem Falle erinnert, daßwir von allem dem, wenigstens von dem Meisten, was uns ent-zückt, nichts in uns aufnehmen dürfen.

Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich undsinnig benimmt, würde vielen Andern zum Verderben gereichen.

Das Verhältniß zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtens-werth. „Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann be-nutzt," sagt er irgendwo.

Er scherzt gar anmuthig über die Widersprüche, die seinenZustand zweideutig machen.

„Ich kann das Predigen nicht vertragen; ich glaube, ich habein meiner Jugend mich daran übergessen."

Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter undErwecker.

„Unser Antheil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nurPhilisterei."