Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

„Nichts ist höher zu schätzen als der Werth des Tages."

kerennt, cxui, ante nos, nostrn äjxsrnnt!

So wunderlich könnte nur derjenige sprechen, der sich ein-bildete ein Antochthon zu seyn. Wer sich's zur Ehre hält, vonvernünftigen Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenig-stens eben so viel Menschensinn zugestehen, als sich selbst.

Die originalsten Autoren der neuesten Zeit sind es nicht deß-wegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein,weil sie fähig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vor-her niemals wären gesagt gewesen.

Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn maneinen empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickelnweiß, daß niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, ge-funden hätte.

Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Culturhervor, wie die Blüthen aus den grünen Zweigen. Zur Rosen-zeit sieht man Rosen überall blühen.

Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diesesind, treten auch die Gedanken hervor, und nachdem sie sind,sind auch die Gedanken.

„Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt."Man könnte sagen, hievon mache der Spiegel eine Ausnahme,und doch sehen wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin,ja der Spiegel kehrt unsre Gestalt um, und macht unsre linkeHand zur rechten. Dieß mag ein Bild seyn für alle Betrachtun-gen über uns selbst.

Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht an's Kamin-feuer, und doch geschieht es, daß, wenn wir zufällig an einemvorbeigehen, wir das Gefühl, das es mittheilt, so angenehm fin-den, daß wir ihm wohl nachhängen mögen. Dieß möchte mitjeder Versuchung analog seyn.

„Sey nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nichtgelten läßt."

Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnetfreilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber dochdas Analoge, und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war.

Siebente Abtheilung.

Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, istWahrheitsliebe.

Wer gegen sich selbst und Andere wahr ist und bleibt, besitztdie schönste Eigenschaft der größten Talente.

Große Talente sind das schönste Versöhnungsmittel.

Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, in's Allgemeinevor —, insbesondere nach der Erfahrung.

Eine thäüge Skepsis ist die, welche unablässig bemüht ist, sichselbst zu überwinden, und durch geregelte Erfahrung zu einerArt von bedingter Zuverlässigkeit zu gelangen.

Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz, zuerforschen, ob irgend einem Object irgend ein Prädikat wirklichzukomme? und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, dasals geprüft Gefundene in Praxis mit Sicherheit anwenden zukönnen.

Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht an'sAllernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden.

„Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommeneswollen die Norm des Menschen."

Nicht allein das Angeborne, sondern auch das Erworbeneist der Mensch.

Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdi-schen Bedürfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie derge-stalt ausbildet, daß sie des Vertrauens werth bleiben.

Die Sinne trügen nicht, aber das Urtheil trügt.

Man läugnet dem Gesicht nicht ab, daß es die Entfernungder Gegenstände, die sich neben und übereinander befinden, zuschätzen wisse: das Hintereinander will man nicht gleichmäßigzugestehen.

Und doch ist dem Menschen, der nicht stationär, sondern be-weglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxeverliehen.