Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Svrüche in Prosa.

ist sie nicht; denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, diekrystallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehewir unsere Frauen damit schmücken können.

Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen,welche von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grän-zenlosesten Einfluß auf's Leben sich erweist.

Der Begriff von Entstehen ist uns ganz und gar versagt;daher wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, daß es schondagewesen sey; deßhalb das System der Einschachtelung uns be-greiflich vorkommt.

Wie manches Bedeutende sieht man aus Theilen zusammen-setzen: man betrachte die Werke der Baukunst; man sieht man-ches sich regel- und unregelmäßig anhäufen; daher ist uns deratomistische Begriff nah und bequem zur Hand; deßhalb wir unsnicht scheuen, ihn auch in organischen Fällen anzuwenden.

Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, desGesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist alsNaturforscher in einer üblen Lage.

Es giebt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sichan die Stelle der Idee setzen.

Man thut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzu-halten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu wer-den trachtet. Leben wird am besten durch's Lebendige belehrt.

IV.

Man kann in den Naturwissenschaften über manche Problemenicht gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hülferuft; aber nicht jene Schul- und Wortweisheit; es ist dasjenige,was vor, mit und nach der Physik war, ist und seyn wird.

Autorität, daß nämlich Etwas schon einmal geschehen, gesagtoder entschieden worden sey, hat großen Werth; aber nur derPedant fordert überall Autorität.

Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht auf-geben, irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen.

sodann aber auch jeder Einzelne nach individueller Einsicht undVermögen sich geltend machen will.

Man thut immer besser, daß man sich grad ausspricht, wieman denkt, ohne viel beweisen zu wollen: denn alle Beweise, diewir vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen,und die Widriggesinnten hören weder auf das Eine noch auf dasAndere.

Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zuTag vorwärts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde,so dringt sich mir gar manche Betrachtung auf: über die Vor-und Rückschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur seyhier ausgesprochen: daß wir sogar anerkannte Irr-thümer aus der Wissenschaft nicht los werden. DieUrsache hievon ist ein offenbares Geheimniß.

Einen Irrthum nenn' ich, wenn irgend ein Ereigniß falschausgelegt, falsch angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignetsich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, daß eine Er-scheinung auch folgerecht angeknüpft, richtig abgeleitet wird. Dasläßt man sich wohl gefallen, legt aber keinen besondern Werthdarauf und der Irrthum bleibt ganz ruhig daneben liegen; jaich kenne ein kleines Magazin von Irrthümern, die man sorg-fältig aufbewahrt.

Da nun den Menschen eigentlich nichts interessirt als seineMeinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sichrechts und links nach Hülfsmitteln um, damit er sich und Anderebestärken möge. Des Wahren bedient man sich, so lange es brauch-bar ist, aber leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche,sobald man es für den Augenblick nutzen, damit, als einemHalbargumente, blenden, als mit einem Lückenbüßer das Zer-stückelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu erfahren war mirerst ein Aergerniß, dann betrübte ich mich darüber, und nunmacht es mir Schadenfreude. Ich habe mir das Wort gegeben,ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken.

Jedes Existirende ist ein Analogen alles Existirenden; dahererscheint uns das Daseyn immer zu gleicher Zeit gesondert undverknüpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fällt alles iden-tisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles in's Un-endliche. In beiden Fällen stagnirt die Betrachtung, einmal alsüberlebendig, das anderem»! als getödtet.

Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf dasGewordene angewiesen; jene bekümmert sich nicht: wozu? dieserfragt nicht: woher? Sie erfreut sich am Entwickeln; erwünscht alles festzuhalten, damit er es nutzen könne.

Beharre, wo du stehst! — Maxime, nothwendiger als je,indem einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden;