Sprüche in Prosa.
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Bei Betrachtung der Natur im Großen wie im Kleinen hab'ich unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oderbist du es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne be-trachtete ich auch Vorgänger und Mitarbeiter.
Ein jeder Mensch steht die fertige und geregelte, gebildete,vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sicheine besondere, ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist.Tüchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen da-mit, wie es gehen will, zu gebaren; andere zaudern an ihrherum; einige zweifeln sogar an ihrem Daseyn.
Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte,würde mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellnngsarteines Andern wie seine eigne als ein Phänomen betrachten.Denn wir erfahren fast täglich, daß der Eine mit Bequemlichkeitdenken mag, was dem Andern zu denken unmöglich ist, undzwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einfluß hätten, sondern in Dingen, die für uns völlig gleich-gültig sind.
Man weiß eigentlich das, was man weiß, nur für sich selbst.Spreche ich mit einem Andern von dem, was ich zu wissen glaube,unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muß mit meinemWissen immer wieder in mich selbst zurückkehren.
Das Wahre fördert; aus dem Irrthum entwickelt sichnichts, er verwickelt uns nur.
Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen, und kannsich nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein be-quemes Wesen greift er nach der nächsten als der besten und be-ruhigt sich dabei; besonders ist dieß die Art des allgemeinenMenschenverstandes.
Sieht man ein Uebel, so wirkt man unmittelbar darauf,d. h. man curirt unmittelbar auf's Symptom los.
Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; dieentstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgiebt, ist todt.Daher kann es keine Geologie geben; denn die Vernunft hat hiernichts zu thun.
Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zu-sammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Ver-nunft durch ein Analogen zu mir, und wenn es das Riesensaul-thier wäre.
Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehendnicht denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.
Der allgemeine neuere Vulcanismus ist eigentlich ein kühnerVersuch, die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine ver-gangene unbekannte zu knüpfen.
Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf ver-schiedene Weise durch Naturkräfte hervorgebracht.
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie bestehtaus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich ac-commodiren, aus Schwachen, die sich assimiliren, und derMasse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, wassie will.
Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des in-neren höheren Sinnes; in der Ausübung ist sie eine Kunst wiedie Beredsamkeit. Für beide hat nichts Werth als die Form; derGehalt ist ihnen gleichgültig. Ob die Mathematik Pfennige oderGuineen berechne, die Rhetorik Wahres oder Falsches vertheidige,ist beiden vollkommen gleich.
Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an,der ein solches Geschäft betreibt, eine solche Kunst ausübt. Eindurchgreifender Advocat in einer gerechten Sache, ein durchdrin-gender Mathematiker vor dem Sternenhimmel, erscheinen beidegleich gottähnlich.
Was ist an der Mathematik exact als die Exactheit? Unddiese, ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefühls?
Die Mathematik vermag kein Vorurtheil wegzuheben, siekann den Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwich-tigen, nichts von allem Sittlichen vermag sie.
Der Mathematiker ist nur in sofern vollkommen, als er einvollkommener Mensch ist, als er das Schöne des Wahren in sichempfindet; dann erst wird er gründlich, durchsichtig, umsichtig,rein, klar, anmuthig, ja elegant wirken. Das alles gehört dazu,umLaGrange ähnlich zu werden.
Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zier-lich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert; und sokommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen,Reden oder Gedichten die wünschenswerthen Eigenschaften ver-leihen will: es ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigenund sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: dasVermögen der An-und Durchschauung; die sittlichen: daß erdie bösen Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, dem Wah-ren die Ehre zu geben.
Goethe, Werke. I.
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