Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa,

275

Die Natur verstummt auf der Folter; ihre treue Antwortauf redliche Frage ist: Ja! ja! Nein! nein! alles Uebrige ist vomUebel.

Die Menschen verdrießt'«, daß das Wahre so einfach ist:sie sollten bedenken, daß sie noch Mühe genug haben, es praktischzu ihrem Nutzen anzuwenden.

Ich verwünsche die, die aus dem Irrthum eine eigene Weltmachen, und doch unablässig fordern, daß der Mensch nützlich seynmüsse.

Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, derhundert Jahre mit sich selbst spricht und sich in feinem eignenWesen, und wenn es auch noch so albern wäre, ganz außer-ordentlich gefällt.

Eine falsche Lehre läßt sich nicht widerlegen; denn sie ruhtja auf der Ueberzeugung, daß das Falsche wahr sey. Aber dasGegentheil kann, darf und muß man wiederholt aussprechen.

Man streiche zwei Stäbchen einen roth an, den andern blau,man bringe sie neben einander in's Wasser und einer wird ge-brochen erscheinen wie der andere. Jeder kann dieses einfacheExperiment mit den Augen des Leibes erblicken; wer es mitGeistesaugen beschaut, wird von tausend und aber tausend irr-thümlichen Paragraphen befreit seyn.

Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeit lang fort, stattvölliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falscheherein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte bethört.

In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das unzu-länglich Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen undweiter zu führen.

Ein Phänomen, ein Versuch kann nichts beweisen, es istdas Glied einer großen Kette, das erst im Zusammenhange gilt.Wer eine Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzeln vor-zeigen wollte, verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigenseyen alle so, schwerlich würde sich jemand auf den Handel ein-lassen.

Abbildungen, Wortbeschreibung, Maaß, Zahl und Zeichenstellen noch immer kein Phänomen dar. Darum bloß konnte sichdie Newtonische Lehre so lange halten, daß der Irrthum in demOuartbande der Lateinischen Uebersetzung für ein paar Jahrhun-derte einbalsamirt war.

Man muß sein Glaubensbekenntniß von Zeit zu Zeit wie-derholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt;der Gegentheil läßt's ja auch nicht daran fehlen.

In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben;man muß reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, son-dern sich auf seinem Posten zu erhalten; ob bei der Majoritätoder Minorität, ist ganz gleichgültig.

„Wer sich mit Wissenschaften abgiebt, leidet erst durch Re-tardationen, und dann durch Präoccupationen. Die erste Zeitwollen die Menschen dem keinen Werth zugestehen, was wirihnen überliefern; und dann gebärden sie sich, als wenn ihnenalles schon bekannt wäre, was wir ihnen überliefern könnten."

Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Object, welchesdem unbekannten Gesetzlichen im Subject entspricht.

Zum Schönen wird erfordert ein Gesetz, das in die Erschei-nung tritt.

Seisxirl von der Lose.

In den Blüthen tritt das vegetabilische Gesetz in seine höchsteErscheinung, und die Rose wäre nur wieder der Gipfel dieserErscheinung.

Pericarpien können noch schön seyn.

Die Frucht kann nie schön seyn: denn da tritt das vegetabi-lische Gesetz in sich (in's bloße Gesetz) zurück.

Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der größtenFreiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das Objectiv-Schöne hervor, welches freilich würdige Subjecte finden muß,von denen es aufgefaßt wird.

Die Unmöglichkeit, Rechenschaft zu geben von dem Natur-und Kunstschönen: denn

nck. 1. müßten wir die Gesetze kennen, nach welchen dieallgemeine Natur handeln will und handelt, wenn sie kann; und

sck 2. die Gesetze kennen, nach denen die allgemeine Naturunter der besondern Form der menschlichen Natur productiv han-deln will und handelt, wenn sie kann.

Schönheit der Jugend aus Obigem abzuleiten. Alter, stu-fenweises Zurücktreten aus der Erscheinung. In wiefern dasAlternde schön genannt werden kann.

Ewige Jugend der Griechischen Götter.

Beharren eines jeden im Charakter, bis zum Gipfel desmenschlichen Daseyns, ohne an die Rückkehr zu denken.

Die Natur füllt mit ihrer gränzenlosen Produktivität alleRäume. Betrachten wir nur bloß unsre Erde: alles, was wirbös, unglücklich nennen — kommt daher, daß sie nicht allem Ent-stehenden Raum geben, noch weniger ihm Dauer verleihen kann.