Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

278

Sprüche in Prosa.

Die Mathematiker find eine Art Franzosen; redet man znihnen, so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es also-bald ganz etwas anderes.

Wer das Falsche vertheidigen will, hat alle Ursache leise auf-zutreten und sich zn einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer dasRecht auf seiner Seite fühlt, muß derb auftreten; ein höflichesRecht will gar nichts heißen.

Deßwegen sagte man ganz richtig: „Wer die Menschenbetrügen will, muß vor allen Dingen das Absurde plausibelmachen."

Man datirt von Bacon von Verulam eine Epoche der Er-fahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theo-retische Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemachtworden. Genau besehen kann und soll man von jedem Tag eineneue Epoche datiren.

Schon jetzt erklären die Meister der Naturwissenschaften dieNothwendigkeit monographischer Behandlung und also das In-teresse an Einzelnheiten. Dieß ist aber nicht denkbar ohne eineMethode, die das Interesse an der Gesammtheit offenbart. Hatman das erlangt, so braucht man freilich nicht in MillionenEinzelnheiten nmherzutasten.

Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung;jene zu ziehen wird Verstand, diese zu erfassen Vernunft er-fordert.

Nicht alles Wünschenswerthe ist erreichbar, nicht alles Er-kennungswerthe erkennbar.

Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näherkommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrungzu nutzen weiß, desto mehr sieht man, daß das Unerforschlichekeinen praktischen Nutzen hat.

Das schönste Glück des denkenden Menschen ist das Er-forschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zuverehren.

Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist derVollkommenheit am nächsten.

Was die Wissenschaften am meisten retardirt, ist, daß die-jenigen, die sich damit beschäftigen, ungleiche Geister sind.

Es ist ihnen wohl Ernst, aber sie wissen nicht, was sie mitdem Ernst machen sollen.

Vor zwei Dingen kann man sich nicht genug in Acht neh-men: beschränkt man sich in seinem Fache, vor Starrsinn; trittman heraus, vor Unzulänglichkeit.

Das Unzulängliche widerstrebt mehr, als man denken sollte,dem Auslangenden.

Die Menschen, da sie zum Nothwendigen nicht hinreichen,bemühen sich um's Unnütze.

Im sechzehnten Jahrhundert gehören die Wissenschaften nichtdiesem oder jenem Menschen, sondern der Welt. Diese hat sie,besitzt sie und der Mensch ergreift nur den Reichthum.

Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder Einzelne aber fängtdoch von vorne an.

Nachträgliches.

Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten ha-ben, ist das Leben, die rotirende Bewegung der Monas um sichselbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Lebenzu hegen und zu Pflegen, ist einem jeden unverwüstlich eingeboren,die Eigenthümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und Andern einGeheimniß.

Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Er-lebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendigbeweg-lichen Monas in die Umgebungen der Außenwelt, wodurch siesich erst selbst als innerlich Gränzenloses, als äußerlich Begränz-tes gewahr wird. Ueber dieses Erlebte können wir, obgleich An-lage, Aufmerksamkeit und Glück dazu gehört, in uns selbst klarwerden; Andern bleibt aber auch dieß immer ein Geheimniß.

Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Hand-lung und That, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt rich-ten; dieses gehört derselben mehr an als uns selbst, so wie siesich darüber auch eher verständigen kann, als wir es selbst vermö-gen; jedoch fühlt sie, daß sie, um recht klar darüber zu werden,auch von unserm Erlebten so viel als möglich zu erfahren habe.Weßhalb man auch auf Jugcndanfänge, Stufen der Bildung,Lebenseinzelnheiten, Anekdoten und dergleichen höchst begie-rig ist.