Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Verhältniß, Neigung, Liebe, Leidenschaft,Gewohnheit.

Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nichtdem Alter; so wie alles, was Productivität voraussetzt. Daß diesesich mit den Jahren erhält, ist ein seltener Fall.

Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe der-gestalt bekannt, daß sie müßte trivial geworden seyn, wenn siesich nicht naturgeniäß in voller Kraft und Glanz immer wiedererneute.

Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher diePassion ihn fesselt, ist noch von manchen nothwendigen Verhält-nissen gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandelnwill, der muß unglücklich werden.

Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart: was mir in der Ge-genwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, denWunsch des erneuerten Gegenwärtigseyns immerfort erregt, beiErfüllung dieses Wunsches von einem lebhaften Entzücken, beiFortsetzung dieses Glücks von einer immer gleichen Anmuth be-gleitet wird, das eigentlich lieben wir, und hieraus folgt, daßwir alles lieben können, was zu unserer Gegenwart gelangen kann;ja, um das Letzte auszusprechen: die Liebe des Göttlichen strebtimmer darnach, sich das Höchste zu vergegenwärtigen.

Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebesich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältniß, dasin allem der Liebe gleicht, nur nicht in der nothwendigen For-derung einer fortgesetzten Gegenwart.

Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet seyn, sichauf manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist eseigentlich, die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß,in einer schönen Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Be-trachtung werth, daß die Gewohnheit sich vollkommen an dieStelle der Liebesleidenschaft setzen kann; sie fordert nicht sowohleine unmuthige als bequeme Gegenwart, alsdann aber ist sieunüberwindlich. Es gehört viel dazu, ein gewohntes Verhältnißaufzuheben, es besteht gegen alles Widerwärtige; Mißvergnü-gen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen dasselbe, ja sieüberdauert die Verachtung, den Haß. Ich weiß nicht, ob eseinem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen dar-zustellen, auch müßte er es nur beiläufig, episodisch unternehmen;denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit man-chen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben.

Geistes-Epochen,

nach Hermann's neuesten Mittheilungen.

Die Urzeit der Welt, der Nationen, der einzelnen Menschenist sich gleich. Wüste Leerheit umfängt erst alles, der Geist jedochbrütet schon über Beweglichem und Gebildetem. Indeß die Au-tochthonenmenge staunend ängstlich umherblickt, kümmerlich dasunentbehrlichste Bedürfniß zu befriedigen, schaut ein begünstigterGeist in die großen Welterscheinungen hinein, bemerkt, was sichereignet, und spricht das Vorhandene ahnungsvoll aus, als wennes entstünde. So haben wir in der ältesten Zeit Betrachtung,Philosophie, Benamsung und Poesie der Natur alles in Einem.

Die Welt wird heiterer, jene düstern Elemente klären sichauf, entwirren sich, der Mensch greift nach ihnen, sie auf andereWeise zu gewältigen. Eine frische gesunde Sinnlichkeit blickt um-her, freundlich sieht sie im Vergangenen und Gegenwärtigen nurihres Gleichen. Dem alten Namen verleiht sie neue Gestalt,anthropomorphosirt, personificirt das Leblose wie das Abgestor-bene und vertheilt ihren eignen Charakter über alle Geschöpfe.So lebt und webt der Volksglaube, der sich von allem Abstrusen,was aus jener Urepoche übrig geblieben seyn mag, oft leichtsinnigbefreit. Das Reich der Poesie blüht auf, und nur der ist Poet, derden Volksglauben besitzt oder sich ihn anzueignen weiß. Der Cha-rakter dieser Epoche ist freie, tüchtige, ernste, edle Sinnlichkeit,durch Einbildungskraft erhöht.

Da jedoch der Mensch in Absicht der Veredlung sein selbstkeine Gränzen kennt, auch die klare Region des Daseyns ihmnicht in allen Umständen zusagt, so strebt er in's Geheimniß zu-rück, sucht höhere Ableitung dessen, was ihm erscheint. Und, wiedie Poesie Dryaden und Hamadryaden schafft, über denen höhereGötter ihr Wesen treiben, so erzeugt die Theologie Dämonen,die sie so lange einander unterordnet, bis sie zuletzt sämmtlichvon Einem Gotte abhängig gedacht werden. Diese Epoche dürfenwir die heilige nennen, sie gehört im höchsten Sinne der Ver-nunft an, kann sich aber nicht lange rein erhalten und muß, weilsie denn doch zu ihrem Behuf den Volksglauben aufstützt, ohnePoesie zu seyn, weil sie das Wunderbarste ausspricht und ihmobjective Gültigkeit zuschreibt, endlich dem Verstand verdächtigwerden. Dieser, in seiner größten Energie und Reinheit, verehrtdie Uranfänge, erfreut sich am poetischen Volksglauben, undschätzt das edle Menschenbedürfniß, ein Oberstes anzuerkennen.Allein der Verständige strebt alles Denkbare seiner Klarheit an-zueignen und selbst die geheimnißvollsten Erscheinungen faßlich