282
Ethisches.
aufzulösen. Volks- und Priesterglaube wird daher keineswegs ver-worfen, aber hinter demselben ein Begreifliches, Löbliches, Nütz-liches angenommen, die Bedeutung gesucht, das Besondere in'sAllgemeine verwandelt, und aus allem Nationalen, Provinzialen,ja Individuellen etwas der Menschheit überhaupt Zuständigesheransgeleitet. Dieser Epoche kann man ein edles, reines, klugesBestreben nicht absprechen, sie genügt aber mehr dem einzelnen,wohlbegabten Menschen als ganzen Völkern.
Denn wie sich diese Sinnesart verbreitet, folgt sogleich dieletzte Epoche, welche wir die prosaische nennen dürfen, da sie nichtetwa den Gehalt der früheren Humanismen, dem reinen Menschen-verstand und Hausgebrauch aneignen möchte, sondern das Net-teste in die Gestalt des gemeinen Tags zieht und, auf dieseWeise, Urgesühle, Volks- und Priesterglauben, ja den Glaubendes Verstandes, der hinter dem Seltsamen noch einen löblichenZusammenhang vermuthet, völlig zerstört.
Diese Epoche kann nicht lange dauern. Das Menschenbe-dürfniß, durch Weltschicksale aufgeregt, überspringt rückwärtsdie verständige Leitung, vermischt Priester-, Volks- und Urglau-ben, klammert sich bald da bald dort an Ueberlieferungen, ver-senkt sich in Geheimnisse, setzt Mährchen an die Stelle der Poesieund erhebt sie zu Glaubensartikeln. Anstatt verständig zu beleh-ren und ruhig einzuwirken, streut man willkürlich Samen undUnkraut zugleich nach allen Seiten; kein Mittelpunkt, auf denhingeschaut werde, ist mehr gegeben, jeder Einzelne tritt alsLehrer und Führer hervor und giebt seine vollkommene Thorheitfür ein vollendetes Ganze.
Und so wird denn auch der Werth eines jeden Geheimnisseszerstört, der Volksglaube selbst entweiht; Eigenschaften, die sichvorher naturgemäß aus einander entwickelten, arbeiten wie strei-tende Elemente gegen einander, und so ist das Tohu wa Bohuwieder da, aber nicht das erste, befruchtete, gebärende, sondernein absterbendes, in Verwesung übergehendes, aus dem der GeistGottes kaum selbst eine ihm würdige Welt abermals erschaffenkönnte.
Uranfänge
tiefsinnig beschaut, schicklich benamst.
Poesie Volksglaube Tüchtig Einbildungskraft
Theologie Ideelle Erhebung Heilig VernunftPhilosophie Aufklärendes Herabziehen Klug VerstandProsa Auflösung in's Alltägliche Gemein Sinnlichkeit.
Vermischung, Widerstreben, Auflösung.
Urworte. Orphisch.
Nachstehende fünf Stanzen sind schon im zweiten Heft derMorphologie abgedruckt, allein sie verdienen wohl einem größernPublicum bekannt zu werden; auch haben Freunde gewünscht,daß zum Verständniß derselben Einiges geschähe, damit dasjenige,was sich hier fast nur ahnen läßt, auch einem klaren Sinne ge-mäß und einer reinen Erkenntniß übergeben sey.
Was nun von ältern und neuern Orphischen Lehren über-liefert worden, hat man hier zusammenzudrängen, poetisch com-
pendios, lakonisch vorzutragen gesucht. Diese wenigen Strophenenthalten viel Bedeutendes in einer Folge, die, wenn man sieerst kennt, dem Geiste die wichtigsten Betrachtungen erleichtert.
/larumv, Dämon.
Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehenNach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du seyn, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten:
Und keine Zeit und keine Macht zerstückeltGeprägte Form, die lebend sich entwickelt.
Der Bezug der Ueberschrift anf die Strophe selbst bedarfeiner Erläuterung. Der Dämon bedeutet hier die nothwendige,bei der Geburt unmittelbar ausgesprochene, begranzte Indivi-dualität der Person, das Charakteristische, wodurch sich der Ein-zelne von jedem andern, bei noch so großer Aehnlichkeit unter-scheidet. Diese Bestimmung schrieb man dem einwirkenden Ge-stirn zu, und es ließen sich die unendlich mannichfaltigen Bewe-gungen und Beziehungen der Himmelskörper, unter sich selbstund zu der Erde, gar schicklich mit den mannichfaltigen Abwechse-lungen der Geburten in Bezug stellen. Hiervon sollte nun auchdas künftige Schicksal des Menschen ausgehen, und man möchte,jenes erste zugebend, gar wohl gestehen, daß angeborne Kraftund Eigenheit, mehr als alles Uebrige, des Menschen Schicksalbestimme.
Deßhalb spricht diese Strophe die Unveränderlich^ des In-dividuums mit wiederholter Betheuerung aus. Das noch so ent-schieden Einzelne kann, als ein Endliches gar wohl zerstört, aber,so lange sein Kern zusammenhält, nicht zersplittert, noch zer-stückelt werden, sogar durch Generationen hindurch.
Dieses feste, zähe, dieses nur aus. sich selbst zu entwickelndeWesen kommt freilich in mancherlei Beziehungen, wodurch seinerster und ursprünglicher Charakter in seinen Wirkungen gehemmt,in seinen Steigungen gehindert wird, und was hier nun eintritt,nennt unsere Philosophie
das Zufällige.
Die strenge Gränze doch umgeht gefälligEin Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,
Und handelst wohl, so wie ein Andrer handelt.
Im Leben ist's bald hin- bald wiederfällig,
Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
Schon hat sich still der Jahre Kreis gekündet,
Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.
Zufällig ist es jedoch nicht, daß Einer aus dieser oder jenerNation, Stamm oder Familie sein Herkommen ableite: denndie anf der Erde verbreiteten Nationen sind, so wie ihre man-nichfaltigen Verzweigungen, als Individuen anzusehen und die