Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West-östlicher Diva».

Diese ganz moderne NarrheitMagst du mir nach Schiras bringen!Soll ich wohl, in seiner Starrheit,Hölzchen quer aus Hölzchen fingen?

Abraham, den Herrn der SterneHat er sich zum Ahn erlesen;

Moses ist, in wüster Ferne,

Durch den Einen groß gewesen.

David auch, durch viel Gebrechen,Ja Verbrechen durchgewandelt,Wußte doch sich loszusprechen:Einem hab' ich recht gehandelt.

Jesus fühlte rein und dachteNur den Einen Gott im Stillen;Wer ihn selbst zum Gotte machte,Krankte seinen heil'gen Willen.

Und so muß das Rechte scheinen,Was auch Mahomet gelungen;

Nur durch den Begriff des EinenHat er alle Welt bezwungen.

Wenn du aber dennoch Huld'gungDiesem leid'gen Ding verlangest;Diene mir es zur Entschuld'gung,Daß du nicht alleine prangest. —

Doch allein! — Da viele FrauenSalomonis ihn verkehrten,

Götter betend anzuschauen,

Wie die Närrinnen verehrten:

Isis' Horn, Anubis' RachenBoten sie dem Judenstolze —

Mir willst du zum Gotte machenSolch ein Jammerbild am Holze!

Und ich will nicht besser scheinenAls es sich mit mir ereignet;Salomo verschwur den Seinen,Meinen Gott hab' ich verleugnet.

Laß die RenegatenbürdeMich in diesem Kuß verschmerzen:Denn ein Vitzliputzli würdeTalisman an deinem Herzen.

Die schön geschriebenen,

Herrlich nmgüldeten,Belächeltest du,

Die anmaßlichen Blätter,Verziehst mein PrahlenVon deiner Lieb' und meinemDurch dich glücklichen Gelingen,Verziehst anmuthigem Selbstlob.

Selbstlob! Nur dem Neide stinkt's,Wohlgeruch FreundenUnd eignem Schmack!

Freude des Daseyns ist groß,

Größer die Freud' am Daseyn.

Wenn du Suleika

Mich überschwenglich beglückst,

Deine Leidenschaft mir zuwirfst,

Als wär's ein Ball,

Daß ich ihn fange,

Dir zurückwerfeMein gewidmetes Ich;

Das ist ein Augenblick!

Und dann reißt mich von dirBald der Franke, bald der Armenier.

Aber Tage währt's,

Jahre dauert's, daß ich neu erschaffeTausendfältig deiner Verschwendungen Fülle,Aufdrös'le die bunte Schnur meines Glücks,Geklöppelt tausendfadigVon dir, o Suleika.

Hier nun dagegenDicht'rische Perlen,

Die mir deiner LeidenschaftGewaltige BrandungWarf an des LebensVerödeten Strand aus.

Mit spitzen FingernZierlich gelesen,

Durchreiht mit juwelenemGoldschmuck,

Nimm sie an deinen Hals,

An deinen Busen!

Die Regentropfen Allah's,

Gereist in bescheidener Muschel.

Lieb' um Liebe, Stund' um Stunde,Wort um Wort und Blick um Blick;Kuß um Kuß, vom treusten Munde,Hauch um Hauch und Glück um Glück.So am Abend, so am Morgen IDoch du fühlst an meinen LiedernImmer noch geheime Sorgen;

Juffuf's Reize möcht' ich borgen,

Deine Schönheit zu erwiedern.

Ach, ich kann sie nicht erwiedern,Wie ich auch daran mich freue;Gnüg' es dir an meinen Liedern,Meinem Herzen, meiner Treue!