Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Wcst-östUcher Divan.

311

Hatem.

Nun wer weiß, was sie erfüllet!Kennt ihr solcher Tiefe Grund?Selbstgesühltes Lied entquellet,Selbstgedichtetes dem Mund.

Von euch Dichterinnen allenIst ihr eben keine gleich:

Denn sie singt, mir zu gefallen,Und ihr singt und liebt nur euch.

Mädchen.

Merke wohl, du hast uns eineJener Huris vorgeheuchelt!

Mag schon seyn! wenn es nur keineSich auf dieser Erde schmeichelt.

H a t e m.

Locken, haltet mich gefangenIn dem Kreise des Gesichts!

Euch geliebten braunen SchlangenZu erwiedern hab' ich nichts.

Nur dieß Herz, es ist von Dauer,Schwillt in jugendlichstem Flor;Unter Schnee und NebelschauerRast ein Aetna dir hervor.

Du beschämst wie MorgenrötheJener Gipfel ernste Wand,

Und noch einmal fühlet HatemFrühlingshauch und Sommerbrand.

Schenke her! Noch eine Flasche!Diesen Becher bring' ich Ihr!Findet sie ein Häufchen Asche,

Sagt sie: Der verbrannte mir.

Suleik-I.

Nimmer will ich dich verlieren!

Liebe giebt der Liebe Kraft.

Magst du meine Jugend zierenMit gewaltiger Leidenschaft.

Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe,Wenn man meinen Dichter preis't!Denn das Leben ist die Liebe,

Und des Lebens Leben Geist.

Laß deinen süßen RubinenmundZudringlichkeiten nicht verfluchen;Was hat Liebesschmerz andern GrundAls seine Heilung zu suchen?

Bist du von deiner Geliebten getrenntWie Orient vom Occident,

Das Herz durch alle Wüsten rennt;Es giebt sich überall selbst das Geleit,Für Liebende ist Bagdad nicht weit.

Mag sie sich immer ergänzen,Eure brüchige Welt, in sich!Diese klaren Augen, sie glänzen,Dieses Herz, es schlägt für mich!

O, daß der Sinnen doch so viele sind!Verwirrung bringen sie in's Glück herein.Wenn ich dich sehe, wünsch' ich taub zu seyn,Wenn ich dich höre, blind.

Auch in der Ferne dir so nah,

Und unerwartet kommt die Qual.Da hör' ich wieder dich einmal,Auf einmal bist du wieder da!

Wie sollt' ich heiter bleiben,Entfernt von Tag und Licht?Nun aber will ich schreiben,

Und trinken mag ich nicht.

Wenn sie mich an sich lockte,War Rede nicht im Brauch,Und wie die Zunge stockte,

So stockt die Feder auch.

Nur zu! geliebter Schenke,

Den Becher fülle still!

Ich sage nur: Gedenke!

Schon weiß man, was ich will.

Wenn ich dein gedenke,

Fragt mich gleich der Schenke:Herr, warum so still?

Da von deinen LehrenImmer weiter hörenSaki gerne will.

Wenn ich mich vergesseUnter der Cypresse,

Hält er nichts davon;

Und im stillen KreiseBin ich doch so weise,

Klug wie Salomon.