Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West-östlicher Dlvan.

Seele befindet sich wohl darinnenUnd bliebe gern vergnügt bei Sinnen;Nun aber soll eine Flasche Wein,Frisch eine nach der andern herein.Seele will's nicht länger ertragen,Sie an der Thüre in Stücke schlagen.

Dem Kellner.

Setze mir nicht, du Grobian,

Mir den Krug so derb vor die Nase!

Wer mir Wein bringt, sehe mich freundlich an,Sonst trübt sich der Eilfer im Glase.

Dem Schenken.

Du zierlicher Knabe, du komm herein,Was stehst du denn da auf der Schwelle?Du sollst mir künftig der Schenke seyn,Jeder Wein ist schmackhaft und helle.

Schenke

spricht.

Du, mit deinen braunen Locken,Geh' mir weg, verschmitzte Dirne!Schenk' ich meinem Herrn zu Danke,Nun so küßt er mir die Stirne.

Aber du, ich wollte wetten,

Bist mir nicht damit zufrieden,

Deine Wangen, deine BrüsteWerden meinen Freund ermüden.

Glaubst du wohl mich zu betrügen,Daß du jetzt verschämt entweichest?Auf der Schwelle will ich liegenUnd erwachen, wenn du schleichest.

Sie haben wegen der TrunkenheitVielfältig uns verklagt,

Und haben von unsrer TrunkenheitLange nicht genug gesagt.

Gewöhnlich der BetrunkenheitErliegt man, bis es tagt;

Doch hat mich meine BetrunkenheitIn der Nacht umher gejagt.

Es ist die Liebestrunkenheit,

Die mich erbärmlich Plagt,

Von Tag zu Nacht, von Nacht zu TagIn meinem Herzen zagt.

Dem Herzen, das in TrunkenheitDer Lieder schwillt und ragt,

Daß keine nüchterne TrunkenheitSich gleich zu heben wagt.

Lieb', Lied und Weines Trunkenheit,Ob's nachtet oder tagt,

Die göttlichste Betrunkenheit,

Die mich entzückt und plagt.

Du kleiner Schelm, du!

Daß ich mir bewußt sey,Darauf kommt es überall an.Und so erfreu' ich michAuch deiner Gegenwart,

Du Allerliebster,

Obgleich betrunken.

Was in der Schenke waren heuteAm frühsten Morgen für Tumulte!

Der Wirth und Mädchen! Fackeln, Leute!Was gab's für Händel, für Insulte!

Die Flöte klang, die Trommel scholl!

Es war ein wüstes Wesen —

Doch bin ich, Lust und Liebe voll,

Auch selbst dabei gewesen.

Daß ich von Sitte nichts gelernt,

Darüber tadelt mich ein jeder;

Doch bleib' ich weislich weit entferntVom Streit der Schulen und Katheder.

Schenke.

Welch ein Zustand! Herr, so späteSchleichst du heut aus deiner Kammer;Perser nennen's Bidamag buden,Deutsche sagen Katzenjammer.

Dichter.

Laß mich jetzt, geliebter Knabe,

Mir will nicht die Welt gefallen,

Nicht der Schein, der Duft der Rose,Nicht der Sang der Nachtigallen.

Schenke.

Eben das will ich behandeln,

Und ich denk', es soll mir klecken.

Hier! genieß die frischen Mandeln,

Und der Wein wird wieder schmecken.

Dann will ich auf der TerrasseDich mit frischen Lüsten tränken;

Wie ich dich in's Auge fasse,

Giebst du einen Kuß dem Schenken.