Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und AchliiAnnW jn beSZrrem VerMidiilLS des meSt-öStlicheo DloonZ.

Wer das Dichten will verstehen,Mirß in's Land der Dichtung gehen;Wer den Dichter will verstehen,Muß in Dichters Lande gehen.

Einleitung.

Alles hat seine Zeit! — Ein Spruch, dessen Bedeutung manbei längerem Leben immer mehr anerkennen lernt; diesemnachgiebt es eine Zeit zu schweigen, eine andere zu sprechen, undzum letzten entschließt sich dießmal der Dichter. Denn wenndem frühern Alter Thun und Wirken gebührt, so ziemt demspätern Betrachtung und Mittheilung.

Ich habe die Schriften meiner ersten Jahre ohne Vorwortin die Welt gesandt, ohne auch nur im mindesten anzudeuten,wie es damit gemeint sey; dieß geschah im Glauben an die Sta-tion, daß sie früher oder später das Vorgelegte benutzen werde.Und so gelang mehreren meiner Arbeiten augenblickliche Wirkung,andere, nicht eben so faßlich und eindringend, bedurften, um an-erkannt zu werden, mehrerer Jahre. Indessen gingen auch diesevorüber, und ein zweites, drittes nachwachsendes Geschlecht ent-schädigt mich doppelt und dreifach für die Unbilden, die ich vonmeinen früheren Zeitgenossen zu erdulden hatte.

Nun wünscht' ich aber, daß nichts den ersten guten Eindruckdes gegenwärtigen Büchleins hindern möge. Ich entschließe michdaher zu erläutern, zu erklären, nachzuweisen, und zwar bloßin der Absicht, daß ein unmittelbares Verständniß Lesern darauserwachse, die mit dem Osten wenig oder nicht bekannt sind. Da-gegen bedarf derjenige dieses Nachtrags nicht, der sich um Ge-schichte und Literatur einer so höchst merkwürdigen Weltregionnäher umgethan hat. Er wird vielmehr die Quellen und Bächeleicht bezeichnen, deren erquickliches Naß ich auf meine Blumen-beete geleitet.

Am liebsten aber wünschte der Verfasser vorstehender Ge-dichte als ein Reisender angesehen zu werden, dem es zum Lobegereicht, wenn er sich der fremden Landesart mit Neigung be-quemt, deren Sprachgebrauch sich anzueignen trachtet, Gesin-nungen zu theilen, Sitten aufzunehmen versteht. Man ent-schuldigt ihn, wenn es ihm auch nur bis auf einen gewissen Gradgelingt, wenn er immer noch an einem eignen Accent, an einerunbezwinglichen Unbiegsamkeit seiner Landsmannschaft als Fremd-ling kenntlich bleibt. In diesem Sinne möge nun Verzeihungdein Büchlein gewährt seyn! Kenner vergeben mit Einsicht,Liebhaber, weniger gestört durch solche Mangel, nehmen dasDargebotn? unbefangen auf.

Damit aber alles, was der Reisende zurückbringt, den Seini-gen schneller behage, übernimmt er die Rolle eines Handelsmanns,der seine Waaren gefällig auslegt und sie auf mancherlei Weiseangenehm zu machen sucht; ankündigende, beschreibende, ja lob-preisende Redensarten wird man ihm nicht verargen.

Zuvörderst also darf unser Dichter wohl aussprechen, daß ersich, im Sittlichen und Aesthetischen, Verständlichkeit zur erstenPflicht gemacht, daher er sich denn auch der schlichtesten Sprachein dem leichtesten, faßlichsten Sylbenmaße seiner Mundart be-fleißigt und nur von weitem auf dasjenige hindeutet, wo derOrientale durch Künstlichkeit und Künstelei zu gefallen strebt.

Das Verständniß jedoch wird durch manche nicht zu vermei-dende fremde Worte gehindert, die deßhalb dunkel sind, weil siesich aus bestimmte Gegenstände beziehen, auf Glauben, Mei-nungen, Herkommen, Fabeln und Sitten. Diese zu erklärenhielt man für die nächste Pflicht und hat dabei das Bedürfnißberücksichtigt, das aus Fragen und Einwendungen deutscher Hö-render und Lesender hervorging. Ein angefügtes Register bezeich-net die Seite, wo dunkle Stellen vorkommen, und auch wo sieerklärt werden. Dieses Erklären aber geschieht in einem gewissenZusammenhange, damit nicht abgerissene Noten, sondern einsclbstständiger Text erscheine, der, obgleich nur flüchtig behandeltnud lose verknüpft, dem Lesenden jedoch Uebersicht und Erläu-terung gewähre.

Möge das Bestreben unseres dießmaligen Berufes angenehmseyn! Wir dürfen es hoffen: denn in einer Zeit, wo so vielesaus dem Orient unserer Sprache treulich angeeignet wird, mages verdienstlich erscheinen, wenn auch wir von unserer Seite dieAufmerksamkeit dorthin zu lenken suchen, woher so manches Große,Schöne und Gute seit Jahrtausenden zu uns gelangte, wohertäglich mehr zu hoffen ist.

Hebräer.

Naive Dichtkunst ist bei jeder Nation die erste, sie liegt allenfolgenden zum Grunde; je frischer, je naturgemäßer sie hervor-tritt, desto glücklicher entwickeln sich die nachherigen Epochen.

Da wir vonOrientalischerPoesie sprechen, so wird nothwen-dig, der Bibel, als der ältesten Sammlung, zu gedenken. Ein