Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum West -östlichen Didan.

großer Theil des alten Testaments ist mit erhöhter Gesinnung,ist enthusiastisch geschrieben und gehört dem Felde der Dicht-kunst an.

Erinnern wir uns nun lebhaft jener Zeit, wo Herder undEichhorn uns hierüber persönlich aufklärten, so gedenken wireines hohen Genusses, dem reinen Orientalischen Sonnenaufgangzu vergleichen. Was solche Männer uns verliehen und hinter-lassen , darf nur angedeutet werden, und man verzeiht uns dieEilfertigkeit, mit welcher wir an diesen Schätzen vorüber gehen.

Beispiels willen jedoch gedenken wir des Buchs Ruth, wel-ches bei seinem hohen Zweck, einem Könige von Israel anständige,interessante Voreltern zu verschaffen, zugleich als das lieblichstekleine Ganze betrachtet werden kann, das uns episch und idyllischüberliefert worden ist.

Wir verweilen sodann einen Augenblick bei dem hohen Lied,als deni zartesten und unnachahmlichsten, was uns von Ausdruckleidenschaftlicher, anmnthiger Liebe zugekommen. Wir beklagenfreilich, daß uns die fragmentarisch durcheinander geworfenen,übereinander geschobenen Gedichte keinen vollen reinen Genußgewähren, und doch sind wir entzückt, uns in jene Zustände hineinzu ahnen, in welchen die Dichtenden gelebt. Durch und durchwehet eine milde Luft des lieblichsten Bezirks von Canaan; länd-lich trauliche Verhältnisse, Wein-, Garten- und Gewürzbau,etwas von städtischer Beschränkung, sodann aber ein königlicherHof, mit seinen Herrlichkeiten im Hintergründe. Das Haupt-thema jedoch bleibt glühende Neigung jugendlicher Herzen, diesich suchen, finden, abstoßen, anziehen, unter mancherlei höchsteinfachen Zuständen.

Mehrmals gedachten wir aus dieser lieblichen Verwirrungeiniges herauszuheben, aneinander zu reihen; aber gerade das Räth-selhaft-Unauflösliche giebt den wenigen Blättern Anmuth undEigenthümlichkeit. Wie oft sind nicht wohldenkende, ordnungs-liebende Geister angelockt worden, irgend einen verständigen Zu-sammenhang zu finden oder hinein zu legen, und einem folgen-den bleibt immer dieselbige Arbeit.

Eben so hat das Buch Ruth seinen unbezwinglicheu Reiz übermanchen wackern Mann schon ausgeübt, daß er dem Wahn sichhingab, das, in seinem Laconismus unschätzbar dargestellte Er-eigniß könne durch eine ausführliche, paraphrastische Behandlungnoch einigermaßen gewinnen.

Und so dürfte Buch für Buch das Buch aller Bücher dar-thun, daß es uns deßhalb gegeben sey, damit wir uns daran,wie an einer zweiten Welt, versuchen, uns daran verirren, auf-klären und ausbilden mögen.

Äralier.

Bei einem östlichen Volke, den Arabern, finden wir herrlicheSchätze an den MoallakLt. Es sind Preisgesänge, die ausdichterischen Kämpfen siegreich hervorgingen; Gedichte, entsprun-gen vor Mahomets Zeiten, mit goldenen Buchstaben geschrieben,aufgehängt an den Pforten des Gotteshauses zu Mekka. Siedeuten auf eine wandernde, heerdenrciche, kriegerische Nation,durch den Wechselstreit mehrerer Stämme innerlich beunruhigt.Dargestellt sind: festeste Anhänglichkeit an Stammgenossen, Ehr-bcgierde, Tapferkeit, unversöhnbare Rachelnst, gemildert durch

Liebestrauer, Wohlthätigkeit, Aufopferung, sämmtlich gränzen-los. Diese Dichtungen geben uns einen hinlänglichen Begriffvon der hohen Bildung des Stammes der Koraischiten, auswelchem Mahomet selbst entsprang, ihnen aber eine düstre Reli-gionshülle überwarf und jede Aussicht auf reinere Fortschrittezu verhüllen wußte.

Der Werth dieser trefflichen Gedichte, an Zahl sieben,wird noch dadurch erhöht, daß die größte Mannichfaltigkeit inihnen herrscht. Hiervon können wir nicht kürzere und würdigereRechenschaft geben, als wenn wir einschaltend hinlegen, wie dereinsichtige Jenes ihren Charakter ausspricht. „Amralkai'sGedicht ist weich, froh, glänzend, zierlich, mannichsaltig undunmuthig. Tarafa's kühn, aufgeregt, aufspringend und dochnlit einiger Fröhlichkeit durchwebt. Das Gedicht von Zoheirscharf, ernst, keusch, voll moralischer Gebote und ernster Sprüche.Lebid's Dichtung ist leicht, verliebt, zierlich, zart; sie erinnertan Virgil's zweite Ecloge: denn er beschwert sich über der Ge-liebten Stolz und Hochmuth und nimmt daher Anlaß, seine Tu-genden herzuzählen, den Ruhm seines Stammes in den Himmelzu erheben. Das Lied Antara' s zeigt sich stolz, drohend, tref-fend, Prächtig, doch nicht ohne Schönheit der Beschreibungenund Bilder. Amru ist heftig, erhaben, ruhmredig; Harethdarauf voll Weisheit, Scharfsinn und Würde. Auch erscheinendie beiden letzten als poetisch-politische Streitreden, welche voreiner Versammlung Araber gehalten wurden, um den verderb-lichen Haß zweier Stämme zu beschwichtigen."

Wie wir nun durch dieses Wenige unsere Leser gewiß auf-regen, jene Gedichte zu lesen oder wieder zu lesen; so fügen wirein anderes bei, aus Mahomet's Zeit, und völlig im Geistejener. Man könnte den Charakter desselben als düster, ja finsteransprechen, glühend, rachlustig und von Rache gesättigt.

1 .

Unter dem Felsen am WegeErschlagen liegt er,

In dessen BlutKein Thau herabträuft.

2 .

Große Last legt' er mir aufUnd schied;

Fürwahr diese LastWill ich tragen.

3 .

„Erbe meiner RacheIst der Schwestersohn,

Der Streitbare,

Der Unversöhnliche.

4 .

Stumm schwitzt er Gift aus,

Wie die Otter schweigt,

Wie die Schlange Gift haucht,

Gegen die kein Zauber gilt.

5 .

Gewaltsame Botschaft kam über unsGroßen, mächtigen Unglücks;

Den Stärksten hätte sieUeberwältigt.