332
Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Diva».
28 .
Die edelsten Geier flogen daher,
Sie schritten von Leiche zu Leiche,
Und von dem reichlich bereiteten MahleNicht in die Höhe konnten sie steigen.
Wenig bedarf es, um sich über dieses Gedicht zu verstän-digen. Die Größe des Charakters, der Ernst, die rechtmäßigeGrausamkeit des Handelns sind hier eigentlich das Mark derPoesie. Die zwei ersten Strophen geben die klare Exposition,in der dritten und vierten spricht der Todte und legt seinem Ver-wandten die Last auf, ihn zu rächen. Die sechste und siebenteschließt sich dem Sinne nach an die ersten, sie stehen lyrisch ver-setzt; die siebente bis dreizehnte erhebt den Erschlagenen, daßman die Größe seines Verlustes empfinde. Die vierzehnte bissiebenzehnte Strophe schildert die Expedition gegen die Feinde;die achtzehnte führt wieder rückwärts; die neunzehnte und zwan-zigste könnten gleich nach den beiden ersten stehen. Die einund-zwanzigste und zweiundzwanzigste könnten nach der siebzehntenPlatz finden; sodann folgt Siegeslust und Genuß beim Gast-mahl, den Schluß aber macht die furchtbare Freude, die erlegtenFeinde, Hyänen und Geiern zum Raube, vor sich liegen zusehen.
Höchst merkwürdig erscheint uns bei diesem Gedicht, daßdie reine Prosa der Handlung durch Transposition der einzelnenEreignisse poetisch wird. Dadurch, und daß das Gedicht fastalles äußern Schmucks ermangelt, wird der Ernst desselben er-höht, und wer sich recht hinein lics't, muß das Geschehene, vonAnfang bis zu Ende, nach und nach vor der Einbildungskraftaufgebaut erblicken.
tlrbergang.
Wenn wir uns nun zu einem friedlichen, gesitteten Volke,den Persern wenden, so müssen wir, da ihre Dichtungen eigent-lich diese Arbeit veranlaßten, in die früheste Zeit zurückgehen,damit uns dadurch die neuere verständlich werde. Merkwürdigbleibt es immer dem Geschichtsforscher, daß, mag auch ein Landnoch so oft von Feinden erobert, unterjocht, ja vernichtet seyn,sich doch ein gewisser Kern der Station immer in seinem Charak-ter erhält, und, ehe man sich's versieht, eine altbekannte Volks-crscheinnng wieder auftritt.
In diesem Sinne möge es angenehm seyn, von den ältestenPersern zu vernehmen und einen desto sicheren und freierenSchritt, bis auf den heutigen Tag, eilig durchzuführen.
Äeltere Perser.
Auf das Anschauen der Natur gründete sich der alten ParsenGottesverehrung. Sie wendeten sich, den Schöpfer anbetend,gegen die aufgehende Sonne, als die auffallend herrlichste Er-scheinung. Dort glaubten sie den Thron Gottes, von Engelnumfunkelt, zu erblicken. Die Glorie dieses herzcrhebenden
Dienstes konnte sich jeder, auch der Geringste, täglich vergegen-wärtigen. Aus der Hütte trat der Arme, der Krieger aus demZelte hervor, und die religiöseste aller Funktionen war vollbracht.Dem neugebornen Kinde ertheilte man die Feuertaufe in solchenStrahlen, und den ganzen Tag über, das ganze Leben hindurch,sah der Parse sich von dem Urgestirne bei allen seinen Hand-lungen begleitet. Mond und Sterne erhellten die Nachk, eben-falls unerreichbar, dem Gränzenlosen angehörig. Dagegen stelltsich das Feuer ihnen zur Seite; erleuchtend, erwärmend, nachseinem Vermögen. In Gegenwart dieses Stellvertreters Ge-bete zu verrichten, sich vor dem unendlich Empfundenen zu beu-gen , wird angenehme, fromme Pflicht. Reinlicher ist nichts alsein heiterer Sonnenaufgang, und so reinlich mußte man auchdie Feuer entzünden und bewahren, wenn sie heilig, sonnenähn-lich seyn und bleiben sollten.
Zoroaster scheint die edle, reine Naturreligion zuerst in einenumständlichen Cultus verwandelt zu haben. Das mentale Gebet,das alle Religionen einschließt und ausschließt, und nur bei we-nigen, gottbegünstigten Menschen den ganzen Lebenswandeldurchdringt, entwickelt sich bei den meisten nur als flammen-des, beseligendes Gefühl des Augenblicks; nach dessen Ver-schwinden sogleich der sich selbst zurückgegebene, unbefriedigte, un-beschäftigte Mensch in die unendlichste Langeweile zurückfällt.
Diese mit Ceremonien, mit Weihen und Entsühnen, mitKommen und Gehen, Neigen und Beugen umständlich auszu-füllen, ist Pflicht und Vortheil der Priesterschaft, welche dennihr Gewerbe, durch Jahrhunderte durch, in unendliche Kleinig-keiten zersplittert. Wer von der ersten kindlichfrohen Verehrungeiner aufgehenden Sonne bis zur Verrücktheit der Gnebern, wiesie noch diesen Tag in Indien stattfindet, sich einen schnellenUeberblick verschaffen kann, der mag dort eine frische, vom Schlafdem ersten Tageslicht sich entgegenregende Nation erblicken,hier aber ein verdüstertes Volk, welches gemeine Langeweiledurch fromme Langeweile zu tödten trachtet.
Wichtig ist es jedoch zu bemerken, daß die alten Parsen nichtetwa nur das Feuer verehrt; ihre Religion ist durchaus auf dieWürde der sämmtlichen Elemente gegründet, in sofern sie dasDaseyn und die Macht Gottes verkündigen. Daher die heiligeScheu, das Wasser, die Lust, die Erde zu besudeln. Eine solcheEhrfurcht vor allem, was den Menschen Natürliches umgiebt, leitetauf alle bürgerlichen Tugenden: Aufmerksamkeit, Reinlichkeit,Fleiß wird angeregt und genährt. Hierauf war die Landescul-tur gegründet; denn wie sie keinen Fluß verunreinigten, sowurden auch die Canäle mit sorgfältiger Wasserersparniß ange-legt und rein gehalten, aus deren Circnlation die Fruchtbarkeitdes Landes entquoll, so daß das Reich damals über das Zehn-fache mehr bebaut war. Alles, wozu die Sonne lächelte, wardmit höchstem Fleiß betrieben, vor anderm aber die Weinrebe,das eigentlichste Kind der Sonne, gepflegt.
Die seltsame Art, ihre Todten zu bestatten, leitet sich her auseben dem übertriebenen Vorsatz, die reinen Elemente nicht zuverunreinigen. Auch die Stadtpolicci wirkt aus diesen Grund-sätzen: Reinlichkeit der Straßen war eine Religionsangelegen-heit, und noch jetzt, da die Gnebern vertrieben, versto-ßen, verachtet sind und nur allenfalls in Vorstädten in ver-rufenen Quartieren ihre Wohnung finden, vermacht ein Ster-bender dieses Bekenntnisses irgend eine Summe, damit eineoder die andere Straße der Hauptstadt sogleich möge völlig