Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Note» mir Al'hantluiigen zmn irest-östliche» Diran.

Jedermann fühlt sich betroffen, wenn der, so liebevolle alsgeistreiche Prophet, nach seiner eigensten Weise, Schonung undNachsicht fordert. Wie kräftig weiß er die unruhige Menge aufsich selbst zurück zu führen, sich des Verwerfen«, des Verwün-schens zu schämen, unbeachteten Vorzug mit Anerkennung, javielleicht mit Neid zu betrachten! Jeder Umstehende denkt nunan sein eigen Gebiß. Schöne Zähne sind überall, besonders auchim Morgenland, als eine Gabe Gottes hoch angenehm. Einfaulendes Geschöpf wird, durch das Vollkommene was von ihmübrig bleibt, ein Gegenstand der Bewunderung und des frömm-sten Nachdenkens.

Nicht eben so klar und eindringlich wird uns das vortrefflicheGleichniß, womit die Parabel schließt; wir tragen daher Sorge,dasselbe anschaulich zu machen.

In Gegenden, wo es an Kalklagern gebricht, werden Mu-schelschalen zu Bereitung eines höchst nöthigen Baumaterials an-gewendet und, zwischen dürres Reisig geschichtet, von der erreg-ten Flamme durchgeglüht. Der Zuschauende kann sich das Gefühlnicht nehmen, daß diese Wesen, lebendig im Meere sich nährendund wachsend, noch kurz vorher der allgemeinen Lust des Da-seyns nach ihrer Weise genossen und jetzt nicht etwa verbrennen,sondern, durchgeglüht, ihre völlige Gestalt behalten, wenn gleichalles Lebendige aus ihnen weggetrieben ist. Nehme man nun-mehr an, daß die Nacht hereinbricht und diese organischen Restedem Auge des Beschauers wirklich glühend erscheinen, so läßtsich kein herrlicheres Bild einer tiefen, heimlichen Seelenqualvor Augen stellen. Will sich jemand hieven ein vollkomme-nes Anschauen erwerben, so ersuche er einen Chemiker, ihmAusterschalen in den Zustand der Phosphorescenz zu versetzen,wo er mit uns gestehen wird, daß ein siedend heißes Ge-fühl, welches den Menschen durchdrängt, wenn ein gerechterVorwurf ihn, mitten in dem Dünkel eines zutraulichenSelbstgefühls, unerwartet betrifft, nicht furchtbarer auszu-sprechen sey.

Solcher Gleichnisse würden sich zu Hunderten auffinden las-sen, die das unmittelbarste Anschauen des Natürlichen, Wirk-lichen voraussetzen und zugleich wiederum einen hohen sittlichenBegriff erwecken, der aus dem Grunde eines reinen ausgebilde-ten Gefühls hervorfteigt.

Höchst schätzenswerth ist, bei dieser gränzenlosen Breite, ihreAufmerksamkeit auf's Einzelne, der scharfe liebevolle Blick, dereinem bedeutenden Gegenstand sein Eigenthümlichstes abzugewin-nen sucht. Sie haben poetische Stillleben, die sich den bestenniederländischer Künstler an die Seite setzen, ja im Sittlichensich darüber erheben dürfen. Aus eben dieser Neigung und Fä-higkeit werden sie gewisse Lieblingsgegenstände nicht los; keinPersischer Dichter ermüdet, die Lampe blendend, die Kerze leuch-tend vorzustellen. Eben daher kommt auch die Eintönigkeit, dieman ihnen vorwirft; aber genau betrachtet, werden die Natur-gegenstände Lei ihnen zum Surrogat der Mythologie, Rose undNachtigall nehmen den Platz ein von Apoll und Daphne. Wennman bedenkt, was ihnen abging, daß sie kein Theater, keine bil-dende Kunst hatten, ihr dichterisches Talent aber nicht geringerwar als irgend eins von jeher, so wird man, ihrer eigensten Weltbefreundet, sie immer mehr bewundern müssen.

Allgemeinstes.

Der höchste Charakter Orientalischer Dichtkunst ist, was wirDeutsche Geist nennen, das Vorwaltende des obern Leitenden;hier sind alle übrigen Eigenschaften vereinigt, ohne daß irgenveine, das eigenthümliche Recht behauptend, hervorträte. DerGeist gehört vorzüglich dem Alter, oder einer alternden Welt-epoche. Uebersicht des Weltwesens, Ironie, freien Gebrauch derTalente finden wir in allen Dichtern des Orients. Resultat undPrämisse wird uns zugleich geboten; deßhalb sehen wir auch, wiegroßer Werth auf ein Wort aus dem Stegreife gelegt wird.Jene Dichter haben alle Gegenstände gegenwärtig und beziehendie entferntesten Dinge leicht auf einander, daher nähern sie sichauch dem, was wir Witz nennen; doch steht der Witz nicht so hoch,denn dieser ist selbstsüchtig, selbstgefällig, wovon der Geist ganzfrei bleibt, deßhalb er auch überall genialisch genannt werdenkann und muß.

Aber nicht der Dichter allein erfreut sich solcher Verdienste;die ganze Nation ist geistreich, wie aus unzähligen Anekdoten her-vortritt. Durch ein geistreiches Wort wird der Zorn eines Für-sten erregt, durch ein anderes wieder besänftigt. Neigung undLeidenschaft leben und weben in gleichem Elemente; so erfindenBehramgur und Dilaram den Reim, Dschemil und Boteinahbleiben bis in's höchste Alter leidenschaftlich verbunden. Die ganzeGeschichte der Persischen Dichtkunst wimmelt von solchen Fällen.

Wenn man bedenkt, daß Nuschirwan, einer der letzten Sas-saniden, um die Zeit Mahomet's mit ungeheuern Kosten dieFabeln des Bidpai und das Schachspiel aus Indien kommenläßt, so ist der Zustand einer solchen Zeit vollkommen ausge-sprochen. Jene, nach dem zu urtheilen, was uns überliefert ist,überbieten einander an Lebensklugheit und freiern Ansichten ir-discher Dinge. Deßhalb konnte vier Jahrhunderte später, selbstin der erstell besten Epoche persischer Dichtkunst, keine vollkom-men-reine Naivetät statt finden. Die große Breite der Umsicht,die vom Dichter gefordert ward, das gesteigerte Wissen, die Hof-und Kriegsverhältniffe, alles verlangte große Besonnenheit.

Neuere, Neueste.

Nach Weise von Dschami und seiner Zeit vermischten fol-gende Dichter Poesie und Prosa immer mehr, so daß für alleSchreibarten nur Ein Styl angewendet wurde. Geschichte,Poesie, Philosophie, Canzlei- und Briefstyl, alles wird aufgleiche Weise vorgetragen und so geht es nun schon vrei Jahr-hunderte fort. Ein Muster des allerneusten sind wir glücklicher-weise im Stande vorzulegen.

Als der Persische Botschafter, MirzaAbulHassanChan,sich in Petersburg befand, ersuchte man ihn um einige Zeilenseiner Handschrift. Er war freundlich genug ein Blatt zu schreiben,wovon wir die Uebersetzung hier einschalten.

„Ich bin durch die ganze Welt gereist, bin lange mit vielenPersonen umgegangen, jeder Winkel gewährte mir einigenNutzen, jeder Halm eine Aehre, und doch habe ich keinen Ort