Noten und Abhandlungen
Ju diesem Sinne nehmen wir die Dargestellten einzeln noch-mals durch und bemerken: daß
Firdusi die ganzen vergangenen Staats- und Reichsereig-nisse, fabelhaft oder historisch aufbehalten, vorwegnahm, so daßeinem Nachfolger nur Bezug und Anmerkung, nicht aber neueBehandlung und Darstellung übrig blieb.
Enweri hielt sich fest an der Gegenwart. Glänzend undprächtig, wie die Natur ihm erschien, freud- und gabenvoll er-blickt er auch den Hof seines Schahs; beide Welten und ihre Bor-züge mit den lieblichsten Worten zu verknüpfen, war Pflicht undBehagen. Nieinand hat es ihm hierin gleich gethan.
Nisami griff mit freundlicher Gewalt alles auf, was vonLiebes- und Halbwunderlegende in seinem Bezirk vorhanden seynmochte. Schon im Koran war die Andeutung gegeben, wie manuralte lakonische Ueberlieferungen zu eigenen Zwecken behan-deln, ausführen und in gewisser Weitläufigkeit könne ergötzlichmachen.
DschelLl - ed - dkn Rumi findet sich unbehaglich auf demproblematischen Boden der Wirklichkeit, und sucht die Räthsel derinneren und äußeren Erscheinungen auf geistige, geistreiche Weisezu lösen, daher sind seine Werke neue Räthsel, neuer Auslösun-gen und Commentare bedürftig. Endlich fühlt er sich gedrungen,in die Alleinigkeitslehre zu flüchten, wodurch so viel gewonnenals verloren wird, und zuletzt das, so tröstliche als untröst-liche, Zero übrig bleibt. Wie sollte nun also irgend eine Rede-mittheilung poetisch oder Prosaisch weiter gelingen? Glücklicher-weise wird
Saadi, der Treffliche, in die weite Welt getrieben, mitgränzenlosen Einzelnheiten der Empirie überhäuft, denen er allenetwas abzugewinnen weiß. Er fühlt die Nothwendigkeit, sich zusammeln, überzeugt sich von der Pflicht, zu belehren, und so ister uns Westländern zuerst fruchtbar und segenreich geworden.
Hafis, ein großes, heiteres Talent, das sich begnügt, allesabzuweisen wonach die Menschen begehren, alles bei Seite zuschieben, was sie nicht entbehren mögen, und dabei immer alslustiger Bruder ihres Gleichen erscheint. Er läßt sich nur inseinem National- und Zeitkreise richtig anerkennen. Sobald manihn aber gefaßt hat, bleibt er ein lieblicher Lebensgeleiter. Wieihn denn auch noch jetzt, unbewußt mehr als bewußt, Kameel-und Maulthiertreiber fortsingen, keineswegs um des Sinneshalben, den er selbst muthwillig zerstückelt, sondern der Stim-mung wegen, die er ewig rein und erfreulich verbreitet. Werkonnte denn nun auf diesen folgen, da alles Andere von den Vor-gängern weggenommen war? als
Dschami, allem gewachsen, was vor ihm geschehen undneben ihm geschah; wie er nun dieß alles zusammen in Garbenband, nachbildete, erneuerte, erweiterte, mit der größten Klar-heit die Tugenden und Fehler seiner Vorgänger in sich vereinigte,so blieb der Folgezeit nichts übrig als zu seyn wie er, in sofern siesich nicht verschlimmerte; und so ist es denn auch drei Jahrhun-derte durch geblieben. Wobei wir nur noch bemerken, daß, wennfrüher oder später das Drama hätte durchbrechen und ein Dichterdieser Art sich hervorthun können, der ganze Gang der Literatureine andere Wendung genommen hätte.
Wagten wir nun mit diesem Wenigen fünfhundert JahrePersischer Dicht - und Redekunst zu schildern; so sey es, um mitQuintilian, unserm alten Meister, zu reden, von Freunden auf-genommen in der Art, wie man runde Zahlen erlaubt, nicht um
zum west-östlichen Divan. 341
genauer Bestimmung willen, sondern um etwas Allgemeines,bequemlichkeitshalber, annähernd auszusprechen.
Allgemeines.
Die Fruchtbarkeit und Mannichfaltigkeit der persischen Dich-ter entspringt aus einer unübersehbaren Breite der Außenweltund ihrem unendlichen Reichthum. Ein immer bewegtes öffent-liches Leben, in welchem alle Gegenstände gleichen Werth haben,wogt vor unserer Einbildungskraft, deßwegen uns ihre Verglei-chungen oft so sehr ausfallend und mißbeliebig sind. Ohne Be-denken verknüpfen sie die edelsten und niedrigsten Bilder, anwelches Verfahren wir uns nicht so leicht gewöhnen.
Sprechen wir es aber aufrichtig aus: ein eigentlicher Lebe-mann, der frei und Praktisch athmet, hat kein ästhetisches Gefühlund keinen Geschmack, ihm genügt Realität im Handeln, Ge-nießen, Betrachten, eben so wie im Dichten, und wenn derOrientale, seltsame Wirkung hervorzubringen, das Ungereimtezusammenreimt, so soll der Deutsche, dem dergleichen wohl auchbegegnet, dazu nicht scheel sehen.
Die Verwirrung, die durch solche Productionen in der Ein-bildungskraft entsteht, ist derjenigen zu vergleichen, wenn wirdurch einen Orientalischen Bazar, durch eine europäische Messegehen. Nicht immer sind die kostbarsten und niedrigsten Waarenim Raume weit gesondert, sie vermischen sich in unseren Augenund oft gewahren wir auch die Fässer, Kisten, Säcke, worin sietransportirt worden. Wie auf einem Obst- und Gemüsmarktsehen wir nicht allein Kräuter, Wurzeln und Früchte, sondernauch hier und dort allerlei Arten Abwürflinge, Schalen undStrunke.
Ferner kostet's dem Orientalischen Dichter nichts, uns von derErde in den Himmel zu erheben und von da wieder herunter zustürzen, oder umgekehrt. Dem Aas eines faulenden Hundesversteht Nisami eine sittliche Betrachtung abzulocken, die uns inErstaunen setzt und erbaut.
Herr Jesus, der die Welt durchwandert,
Ging einst an einem Markt vorbei;
Ein todter Hund lag auf dem Wege,
Geschleppet vor des Hauses Thor;
Ein Haufe stand um's Aas umher,
Wie Geier sich um Aeser sammeln.
Der Eine sprach: Mir wird das HirnVon dem Gestank ganz ausgelöscht.
Der Andre sprach: Was braucht es viel!
Der Gräber Auswurf bringt nur Unglück.
So sang ein jeder seine Weise,
Des todten Hundes Leib zu schmähen.
Als nun an Jesus kam die Reih',
Sprach, ohne Schmäh'n, er guten Sinns,
Er sprach aus gütiger Natur:
Die Zähne sind wie Perlen weiß.
Dieß Wort macht den Umstehenden,
Durchglühten Muscheln ähnlich, heiß.