Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Tivnn.

sie auch heißen, Freiheit und Knechtschaft zugleich polarisch exi-stire. Steht die Gewalt Lei Einem, so ist die Menge unterwürfig,ist die Gewalt bei der Menge, so steht der Einzelne im Nachtheil;dieses geht denn durch alle Stufen durch, bis sich vielleichtirgendwo ein Gleichgewicht, jedoch nur auf kurze Zeit, findenkann. Dem Geschichtsforscher ist es kein Geheimniß; in bewegtenAugenblicken des Lebens jedoch kann man darüber nicht in's Klarekommen. Wie man denn niemals mehr von Freiheit reden hört,als wenn eine Partei die andere unterjochen will, und es aufweiter nichts angesehen ist, als daß Gewalt, Einfluß und Ver-mögen aus einer Hand in die andere gehen sollen. Freiheit istdie leise Parole heimlich Verschworner, das laute Feldgeschreider öffentlich Umwälzenden, ja das Losungswort der Despotieselbst, wenn sie ihre unterjochte Masse gegen den Feind anfuhrt,und ihr von auswärtigem Druck Erlösung auf alle Zeiten ver-spricht.

Gegenwirkung.

Doch so verfänglich-allgemeiner Betrachtung wollen wiruns nicht hingeben, vielmehr in den Orient zurückwandern undschauen, wie die menschliche Natur, die immer unbezwinglichbleibt, sich dem äußersten Druck entgegensetzt, und da finden wirdenn überall, daß der Frei - und Eigensinn der Einzelnen sichgegen die Allgewalt des Einen in's Gleichgewicht stellt; sie sindSklaven, aber nicht unterworfen, sie erlauben sich Kühnheitenohne Gleichen. Bringen wir ein Beispiel aus den älteren Zeiten,begeben wir uns zu einem Abendgelag in das Zelt Alexander's,dort treffen wir ihn mit den Seinigen in lebhaften, heftigen, jawilden Wechselreden.

Clitus, Alexander's Milchbruder, Spiel- und Kriegsge-sährte, verliert zwei Brüder im Felde, rettet dem König dasLeben, zeigt sich als bedeutender General, treuer Statthalterwichtiger Provinzen. Die angemaßte Gottheit des Monarchenkann er nicht billigen; er hat ihn herankommen sehen, dienst- undhülfsbedürftig gekannt; einen inneren hypochondrischen Wider-willen mag er nähren, seine Verdienste vielleicht zu hoch an-schlagen.

Die Tischgespräche an Alexander's Tafel mögen immer vongroßer Bedeutung gewesen seyn; alle Gäste waren tüchtige, ge-bildete Männer, alle zur Zeit des höchsten Rednerglanzes inGriechenland geboren. Gewöhnlich mochte man sich nüchternerWeise bedeutende Probleme aufgeben, wählen, oder zufällig er-greifen und solche sophistisch-rednerisch mit ziemlichem Bewußt-seyn gegeneinander behaupten. Wenn denn aber doch ein jederdie Partei vertheidigte, der er zugethan war, Trunk und Leiden-schaft sich Wechselsweise steigerten; so mußte es zuletzt zu gewalt-samen Scenen hinauslaufen. Auf diesem Wege begegnen wirder Vermuthung, daß der Brand von Persepolis nicht bloß auseiner rohen, absurden Böllerei entglommen sey, vielmehr auseinem solchen Tischgespräch aufgeflammt, wo die eine Partei be-hauptete, man müsse die Perser, da man sie einmal überwun-den, auch nunmehr schonen, die andere aber, das schonungsloseVerfahren der Asiaten in Zerstörung Griechischer Tempel wiedervor die Seele der Gesellschaft führend, durch Steigerung desWahnsinnes zu trunkener Wuth, die alten königlichen Denknialein Asche verwandelte. Daß Frauen mitgewirkt, welche immer

die heftigsten, unversöhnlichsten Feinde der Feinde sind, machtunsere Vermuthung noch wahrscheinlicher.

Sollte man jedoch hierüber noch einigermaßen zweifelhaftbleiben, so sind wir desto gewisser, was bei jenem Gelag, dessenwir zuerst erwähnten, tödtlichen Zwiespalt veranlaßt habe; dieGeschichte bewahrt es uns auf. Es war nämlich der immersich wiederholende Streit zwischen dem Alter und der Jugend.Die Alten, auf deren Seite Clitus argumentirte, konnten sichauf eine folgerechte Reihe von Thaten berufen, die sie, dem Kö-nig, dem Vaterland, dem einmal vorgesteckten Ziele getreu, un-ablässig mit Kraft und Weisheit ausgeführt. Die Jugend hin-gegen nahm zwar als bekannt an, daß das alles geschehen, daßviel gethan worden und daß man wirklich an der Gränze vonIndien sey; aber sie gab zu bedenken, wie viel zu thun noch übrigbliebe, erbot sich das Gleiche zu leisten, und eine glänzende Zu-kunft versprechend, wußte sie den Glanz geleisteter Thaten zuverdunkeln. Daß der König sich auf diese Seite geschlagen, istnatürlich, denn bei ihm konnte vom Geschehenen nicht mehr dieRede seyn. Clitus kehrte dagegen seinen heimlichen Unwillenheraus und wiederholte, in des Königs Gegenwart, Mißreden,die dem Fürsten, als hinter seinem Rücken gesprochen, schonfrüher zu Ohren gekommen. Alexander hielt sich bewunderns-würdig zusammen, doch leider zu lange. Clitus verging sichgränzenlos in widerwärtigen Reden, bis der König aufsprang,den seine Nächsten zuerst festhielten und Clitus bei Seite brach-ten. Dieser aber kehrt rasend mit neuen Schmähungen zurück,und Alexander stößt ihn, den Spieß von der Wache ergreifend,nieder.

Was darauf erfolgt, gehört nicht hierher, nur bemerken wir,daß die bitterste Klage des verzweifelnden Königs die Betrach-tung enthält, er werde künftig, wie ein Thier im Walde, einsamleben, weil niemand in seiner Gegenwart ein freies Wort her-vorzubringen wagen könne. Diese Rede, sie gehöre dem Königoder dem Geschichtschreiber, bestätigt dasjenige, was wir obenvermuthet.

Noch im vorigen Jahrhunderte durfte man dem Kaiser vonPersien bei Gastmahlen unverschämt widersprechen, zuletzt wurdedenn freilich der überkllhne Tischgenosse bei den Füßen weg undam Fürsten nah vorbei geschleppt, ob dieser ihn vielleicht be-gnadige? Geschah es nicht, hinaus mit ihm und zusammen-gehauen.

Wie gränzenlos hartnäckig und widersetzlich Günstlinge sichgegen den Kaiser betrugen, wird von glaubwürdigen Geschicht-schreibern anekdotenweis überliefert. Der Monarch ist wie dasSchicksal, unerbittlich, aber man trotzt ihm. Heftige Naturenverfallen darüber in eine Art Wahnsinn, wovon die wunderlich-sten Beispiele vorgelegt werden könnten.

Der obersten Gewalt jedoch, von der alles herfließt, Wohl-that und Pein, unterwerfen sich mäßige, feste, folgerechte Natu-ren , um nach ihrer Weise zu leben und zu wirken. Der Dichteraber hat am ersten Ursache, sich dem Höchsten, der sein Talentschätzt, zu widmen. Am Hof, im Umgänge mit Großen, er-öffnet sich ihm eine Weltllbersicht, deren er bedarf, um zumReichthum aller Stoffe zu gelangen. Hierin liegt nicht nur Ent-schuldigung, sondern Berechtigung zu schmeicheln, wie es demPanegyristen zukommt, der sein Handwerk am besten ausübt,wenn er sich mit der Fülle des Stoffes bereichert, um Fürstenund Vesire, Mädchen und Knaben, Propheten und Heilige, ja