Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Dlvaii.
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anzusehen, sondern darüber geweint hast, was sollen wir dennthun, die wir Nacht und Tag dein Gesicht anzusehen haben?Wenn wir nicht weinen, wer soll denn weinen! deßhalb habe ichgeweint. — Timur kam vor Lachen außer sich.
Buch Suleika. Dieses, ohnehin das stärkste der ganzenSammlung, möchte wohl für abgeschlossen anzusehen seyn. DerHauch und Geist einer Leidenschaft, der durch das Ganze weht,kehrt nicht leicht wieder zurück, wenigstens ist dessen Rückkehr,wie die eines guten Weinjahres, in Hoffnung und Demuth zuerwarten.
Ueber das Betragen des westlichen Dichters aber in diesemBuche dürfen wir einige Betrachtungen anstellen. Nach demBeispiele mancher östlichen Vorgänger hält er sich entfernt vornSultan. Als genügsamer Derwisch darf er sich sogar dem Für-sten vergleichen; denn der gründliche Bettler soll eine Art vonKönig seyn. Armuth giebt Verwegenheit. Irdische Güter undihren Werth nicht anzuerkennen, nichts oder wenig davon zuverlangen ist sein Entschluß, der das sorgloseste Behagen erzeugt.Statt einen angstvollen Besitz zu suchen, verschenkt er in Ge-danken Länder und Schätze, und spottet über den, der sie wirklichbesaß und verlor. Eigentlich aber hat sich unser Dichter zu einerfreiwilligen Armuth bekannt, um desto stolzer aufzutreten, daßes ein Mädchen gebe, die ihm deßwegen doch hold und ge-wärtig ist.
Aber noch eines größern Mangels rühmt er sich: ihm ent-wich die Jugend; sein Alter, seine grauen Haare schmückt er mitder Liebe Suleika's, nicht geckenhaft zudringlich, nein! ihrerGegenliebe gewiß. Sie, die Geistreiche, weiß den Geist zuschätzen, der die Jugend früh zeitigt und das Alter verjüngt.
Das Schenkenbuch. Weder die unmäßige Neigungzu dem halbverbotenen Weine, noch das Zartgefühl für dieSchönheit eines heranwachsenden Knaben durfte im Divan ver-mißt werden; letzteres wollte jedoch unseren Sitten gemäß inaller Reinheit behandelt seyn.
Die Wechselneigung des früheren und späteren Alters deuteteigentlich aus ein ächt pädagogisches Verhältniß. Eine leiden-schaftliche Neigung des Kindes zum Greise ist keineswegs eineseltene, aber selten benutzte Erscheinung. Hier gewahre manden Bezug des Enkels zum Großvater, des fpätgebornen Erbenzum überraschten zärtlichen Vater. In diesem Verhältniß ent-wickelt sich eigentlich der Klugsinn der Kinder; sie sind aufmerk-sam auf Würde, Erfahrung, Gewalt des Aelteren; rein geborneSeelen empfinden dabei das Bedürfniß einer ehrfurchtsvollenNeigung; das Alter wird hievon ergriffen und festgehalten. Em-pfindet und benutzt die Jugend ihr Uebergewicht, um kindlicheZwecke zu erreichen, kindische Bedürfnisse zu befriedigen, so ver-söhnt uns die Anmuth mit frühzeitiger Schalkheit. Höchst rüh-rend aber bleibt das heranstrebende Gefühl des Knaben, der,von dem hohen Geiste des Alters erregt, in sich selbst ein Stau-nen fühlt, das ihm weissagt, auch dergleichen könne sich in ihmentwickeln. Wir versuchten so schöne Verhältnisse im Schenken-buche anzudeuten und gegenwärtig weiter auszulegen. Saadi
hat jedoch uns einige Beispiele erhalten, deren Zartheit, gewißallgemein anerkannt, das vollkommenste Verständniß eröffnet.
Folgendes nämlich erzählt er in seinem Rosengarten: „AlsMahmud, der König zu Chuaresm, mit dem König von ChattajFriede machte, bin ich zu Kaschker (einer Stadt der Usbeken oderTariern) in die Kirche gekommen, woselbst, wie ihr wißt, auch^ Schule gehalten wird, und habe allda einen Knaben gesehen,
! wunderschön von Gestalt und Angesicht. Dieser hatte eine Gram-matik in der Hand, um die Sprache rein und gründlich zu lernen;er las laut und zwar ein Exempel von einer Regel: Saraba! SeidonAmran. Seiden hat Amran geschlagen oder bekriegt.
! Amran ist der Accusativus. (Diese beiden Namen stehen aberl hier zu allgemeiner Andeutung von Gegnern, wie die Deutschensagen: Hinz oder Kunz.) Als er nun diese Worte einigemalwiederholt hatte, um sie dem Gedächtniß einzuprägen, sagte ich:i Es haben ja Chuaresm und Chattaj endlich Friede gemacht; sollen^ denn Seidon und Amran stets Krieg gegen einander führen?Der Knabe lachte allerliebst, und fragte, was ich für ein Lands-mann sey? und als ich antwortete: Von Schiras, fragte er: obich nicht etwas von Saadi's Schriften auswendig könnte, daihm die Persische Sprache sehr wohl gefalle?
! Ich antwortete: Gleichwie dein Gemüth aus Liebe gegen diereine Sprache sich der Grammatik ergeben hat, also ist auchmein Herz der Liebe zu dir völlig ergeben, so daß deiner NaturBildniß das Bildniß meines Verstandes entraubet. Er betrachtetemich mit Aufmerksamkeit, als wollt' er forschen, ob das, was ichsagte, Worte des Dichters, oder meine eignen Gefühle seyen; ichaber fuhr fort: Du hast das Herz eines Liebhabers in dein Netzgefangen, wie Seidon. Wir gingen gerne mit dir um, aberdu bist gegen uns, wie Seidon gegen Amran, abgeneigt undfeindlich. Er aber antwortete mir mit einiger bescheidenen Ver-legenheit in Versen aus meinen eignen Gedichten, und ich hatteden Vortheil, ihm aus eben die Weise das Allerschönste sagen zu^ können, und so lebten wir einige Tage in anmuthigen Unter-haltungen. Als aber der Hof sich wieder zur Reise beschickt und! Wir willens waren den Morgen früh aufzubrechen, sagte einer! von unsern Gefährten zu ihm: Das ist Saadi selbst, nach dem duI gefragt hast.
! Der Knabe kam eilend gelaufen, stellte sich mit aller Ehr-! erbietnng gar freundlich gegen mir an und wünschte, daß er^ mich doch eher gekannt hätte, und sprach: Warum hast du diese! Tage her mir nicht offenbaren und sagen wollen, ich bin Saadi,
^ damit ich dir gebührende Ehre nach meinem Vermögen anthunj und meine Dienste vor deinen Füßen demüthigen können. Aberich antwortete: Indem ich dich ansah, konnte ich das Wort, ichbin's, nicht aus mir bringen, mein Herz brach auf gegen dirals eine Rose, die zu blühen beginnt. Er sprach ferner, ob esdenn nicht möglich wäre, daß ich noch etliche Tage daselbst ver-harrte , damit er etwas von mir in Kunst und Wissenschaft lernenkönnte; aber ich antwortete: Es kann nicht seyn; denn ich sehehier vortreffliche Leute zwischen großen Bergen sitzen, mir abergefällt, mich vergnügt nur, eine Höhle in der Welt zu haben unddaselbst zu verweilen. Und als er mir darauf etwas betrübt vor-kam, sprach ich: warum er sich nicht in die Stadt begebe, wo-selbst er sein Herz vorn Bande der Traurigkeit befreien und fröh-licher leben könnte. Er antwortete: Da sind zwar viel schöne undanmuthige Bilder, es ist aber auch kothig und schlüpfrig in derStadt, daß auch wohl Elephanten gleiten und fallen könnten;