Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Rottn und Abhandlungen zum west-östlichen Diva»,

Sammeln sich nun an seinem Hofe viele dergleichen Talente, sogibt er ihnen einen Dichterkönig, und zeigt dadurch, daß er dashöchste Talent für seines Gleichen anerkenne. Hiedurch wird derDichter aber aufgefordert, ja verleitet, eben so hoch von sich zudenken als von dem Fürsten, und sich im Mitbesitz der größtenVorzüge und Glückseligkeiten zu fühlen. Hierin wird er bestärktdurch die gränzenlosen Geschenke, die er erhält, durch den Reich-thum, den er sammelt, durch die Einwirkung, die er ausübt.Auch setzt er sich in dieser Denkart so fest, daß ihn irgend ein Miß-lingen seiner Hoffnungen bis zum Wahnsinn treibt. Firdust er-wartet für sein Schah Nameh, nach einer früheren Aeußerungdes Kaisers, sechzigtausend Goldstücke; da er aber dagegen nursechzigtausend Silberstllcke erhält, eben da er sich im Bade befin-det, theilt er die Summe in drei Theile, schenkt einen dem Boten,einen dem Bademeister und den dritten dem Sorbetschenken, undvernichtet sogleich, mit wenigen ehrenrührigen Schmähzeilen,alles Lob, was er seit so vielen Jahren dem Schah gespendet.Er entflieht, verbirgt sich, widerruft nicht, sondern trägt seinenHaß auf die Seinigen über, so daß seine Schwester ein ansehn-liches Geschenk, vom begütigten Sultan abgesendet, aber leidererst nach des Bruders Tode ankommend, gleichfalls verschmähtund abweist.

Wollten wir nun das alles weiter entwickeln, so würden wirsagen, daß vom Thron, durch alle Stufen hinab, bis zum Der-wisch an der Straßenecke alles voller Anmaßung zu finden sey,voll weltlichen und geistlichen Hochmuths, der auf die geringsteVeranlassung sogleich gewaltsam hervorspringt.

Mit diesem sittlichen Gebrechen, wenn man's dafür haltenwill, sieht es im Westlande gar wunderlich aus. Bescheidenheitist eigentlich eine gesellige Tugend, sie deutet auf große Ausbil-dung; sie ist eine Selbstverläugnung nach außen, welche, aufeinem großen inneren Werth ruhend, als die höchste Eigenschaftdes Menschen angesehen wird. Und so hören wir, daß die Mengeimmer zuerst an den vorzüglichsten Menschen die Bescheidenheitpreis't, ohne sich auf ihre übrigen Qualitäten sonderlich einzu-lassen. Bescheidenheit aber ist immer mit Verstellung verknüpft,und eine Art Schmeichelei, die um desto wirksamer ist, als sieohne Zudringlichkeit dem Anderen wohlthut, indem sie ihn in sei-nem behaglichen Selbstgefühle nicht irre macht. Alles aber wasman gute Gesellschaft nennt, besteht in einer immer wachsendenVerneinung sein selbst, so daß die Societät zuletzt ganz Nullwird; es müßte denn das Talent sich ausbilden, daß wir, indemwir unsere Eitelkeit befriedigen, der Eitelkeit des Anderen zuschmeicheln wissen.

Mit den Anmaßungen unsers westlichen Dichters aber möch-ten wir die Landsleute gern versöhnen. Eine gewisse Aufschnei-derei durfte dem Divan nicht fehlen, wenn der Orientalische Cha-rakter einigermaßen ausgedrückt werden sollte.

In die unerfreuliche Anmaßung gegen die höheren Ständekonnte der Dichter nicht verfallen. Seine glückliche Lage über-hob ihn jedes Kampfes mit Despotismus. In das Lob, das erseinen fürstlichen Gebietern zollen könnte, stimmt ja die Weltmit ein. Die hohen Personen, mit denen er sonst in Verhältnißgestanden, pries und Preis't man noch immer. Ja man kanndem Dichter vorwerfen, daß der enkomiastische Theil seines Di-vans nicht reich genug sey.

Was aber das Buch des Unmuths betrifft, so möchte manwohl einiges daran zu tadeln finden. Jeder Unmuthige drückt

zu deutlich aus, daß seine persönliche Erwartung nicht erfüllt,sein Verdienst nicht anerkannt sey. So auch er! Von oben hereinist er nicht beengt, aber von unten und von der Seite leidet er.Eine zudringliche, oft Platte, oft tückische Menge, mit ihrenChorführern, lahmt seine Thätigkeit; erst waffnet er sich mitStolz und Verdruß, dann aber, zu scharf gereizt und gepreßt,fühlt er Stärke genug, sich durch sie durchzuschlagen.

Sodann aber werden wir ihm zugestehen, daß er mancherleiAnmaßungen dadurch zu mildern weiß, daß er sie, gefühlvollund kunstreich, zuletzt auf die Geliebte bezieht, sich vor ihr demü-thigt, ja vernichtet. Herz und Geist des Lesers wird ihm dieseszu Gute schreiben.

Buch der Sprüche, sollte vor anderen anschwellen; es istmit den Büchern der Betrachtung und des Unmuths ganz naheverwandt. Orientalische Sprüche jedoch behalten den eigenthüm-lichen Charakter der ganzen Dichtkunst, daß sie sich sehr oft aufsehr sinnliche, sichtbare Gegenstände beziehen; und es finden sichviele darunter, die man mit Recht lakonische Parabeln nennenkönnte. Diese Art bleibt dem Westländer die schwerste, weil un-sere Umgebung zu trocken, geregelt und prosaisch erscheint. Alledeutsche Sprichwörter jedoch, wo sich der Sinn zum Gleichnißumbildet, können hier gleichfalls unser Muster seyn.

Buch des Tim ur. Sollte eigentlich erst gegründet wer-den, und vielleicht müßten ein paar Jahre hingehen, damit unsdie allzunah liegende Deutung ein erhöhtes Anschaun ungeheurerWeltereignisse nicht mehr verkümmerte. Erheitert könnte dieseTragödie werden, wenn man des fürchterlichen Weltverwüsterslaunigen Zug- und Zeltgesährten Nussreddin Chodscha von Zeitzu Zeit auftreten zu lassen sich entschlösse. Gute Stunden, freierSinn werden hiezu die beste Fördcrniß verleihn. Ein Muster-stück der Geschichtchen die zu uns herüber gekommen, fügenwir bei.

q- q:

Timur war ein häßlicher Mann; er hatte ein blindes Augeund einen lahmen Fuß. Indem nun eines Tages Chodscha umihn war, kratzte sich Timur den Kopf, denn die Zeit des Bar-bierens war gekommen, und befahl, der Barbier solle gerufenwerden. Nachdem der Kopf geschoren war, gab der Barbier,wie gewöhnlich, Timur den Spiegel in die Hand. Timur sahsich im Spiegel, und fand sein Ansehen gar zu häßlich. Darüberfing er an zu weinen, auch der Chodscha hub an zu weinen, undso weinten sie ein paar Stunden. Hierauf trösteten einige Ge-sellschafter den Timur und unterhielten ihn mit sonderbaren Er-zählungen, um ihn alles vergessen zu machen. Timur hörteauf zu weinen, der Chodscha aber hörte nicht auf, sondern fingerst recht an stärker zu weinen. Endlich sprach Timur zu Chod-scha: Höre! ich habe in den Spiegel geschaut und habe mich sehrhäßlich gesehen; darüber betrübte ich mich, weil ich nicht alleinKaiser bin, sondern auch viel Vermögen und Sklavinnen habe,daneben aber so häßlich bin; darum habe ich geweint. Undwarum weinst du noch ohne Aufhören? Der Chodscha antwor-tete : Wenn du nur einmal in den Spiegel gesehen und bei Be-schallung deines Gesichts es gar nicht hast aushalten können dich