Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Not!» und Abhandlungen zum West-östlichen Diran.

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Klänge von weitem zu tönen. Seit vierhundert Jahren hattesich die kleine Familie unglaublich vermehrt. Das Versprechen,ihrem großen Ahnherren von Gott unter so vielen Unwahrfchein-lichkeiten gethan, ist erfüllt; allein was hilft es ihnen! Geradediese große Zahl macht sie den Haupteinwohnern des Landesverdächtig. Man sucht sie zu quälen, zu ängstigen, zu belästi-gen, zu vertilgen, und so sehr sich auch ihre hartnäckige Naturdagegen wehrt, so sehen sie doch ihr gänzliches Verderben wohlvoraus, als man sie, ein bisheriges freies Hirtenvolk, nöthiget,in und an ihren Gränzen mit eignen Händen feste Städte zubauen, welche offenbar zu Zwing - und Kerkerplätzen für sie be-stimmt sind.

Hier fragen wir nun, ehe wir weiter gehen und uns durchsonderbar, ja unglücklich redigirte Bücher mühsam durcharbeiten:was wird uns denn als Grund, als Nrstoff von den vier letztenBüchern Mosis übrig bleiben, da wir manches dabei zu erin-nern, manches daraus zu entfernen für nöthig finden?

Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- undMenschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibtder Conflict des Unglaubens und Glaubens. Alle Epochen, inwelchen der Glaube herrscht, unter welcher Gestalt er auch wolle,sind glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nach-welt. Alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in wel-cher Form es sey, einen kümmerlichen Sieg behauptet, undwenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlensollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich niemand gernmit Erkenntniß des Unfruchtbaren abquälen mag.

Die vier letzten Bücher Mosis haben, wenn uns das ersteden Triumph des Glaubens darstellte, den Unglauben zumThema, der, auf die kleinlichste Weise, den Glauben, der sichaber freilich auch picht in seiner ganzen Fülle zeigt, zwar nichtbestreitet und bekämpft, jedoch sich ihm von Schritt zu Schrittin den Weg schiebt, und oft durch Wohlthaten, öfter aber nochdurch greuliche Strafen nicht geheilt, nicht ausgerottet, sondernnur augenblicklich beschwichtigt wird, und deßhalb seinen schlei-chenden Gang dergestalt immer fortsetzt, daß ein großes, edles,auf die herrlichsten Verheißungen eines zuverlässigen National-gottes unternommenes Geschäft gleich in seinem Anfange zuscheitern droht, und auch niemals in seiner ganzen Fülle voll-endet werden kann.

Wenn uns das Uugemüthliche dieses Inhalts, der, wenig-stens für den ersten Anblick, verworrene, durch das Ganze lau-fende Grundfaden unlustig und verdrießlich macht, so werdendiese Bücher durch eine höchst traurige, unbegreifliche Redaction ^ganz ungenießbar. Den Gang der Geschichte sehen wir überallgehemmt durch eingeschaltete zahllose Gesetze, von deren größtemTheil man die eigentliche Ursache und Absicht nicht einsehen kann,wenigstens nicht warum sie in dem Augenblick gegeben worden,oder, wenn sie spätern Ursprungs sind, warum sie hier angeführtund eingeschaltet werden. Man sieht nicht ein, warum bei einemso ungeheuern Feldzuge, dem ohnehin so viel im Wege stand,man sich recht absichtlich und kleinlich bemüht, das religiöse Ce-remoniengepäck zu vervielfältigen, wodurch jedes Vorwärts-kommen unendlich erschwert werden muß. Man begreift nicht, ^warum Gesetze für die Zukunft, die noch völlig im Ungewissenschwebt, zu einer Zeit ausgesprochen werden, wo es jeden Tag,jede Stunde an Rath und That gebricht, und der Heerführer,der auf seinen Füßen stehen sollte, sich wiederholt auf's Angesicht

wirft, um Gnaden und Strafen von oben zu erflehen, die beidenur verzettelt gereicht werden, so daß man mit dem verirrtenVolke den Hauptzweck völlig aus den Augen verliert.

Um mich nun in diesem Labyrinthe zu finden, gab ich mirdie Mühe, sorgfältig zu sondern, was eigentliche Erzählung ist,es mochte nun für Historie, für Fabel, oder für beides zusam-men, für Poesie, gelten. Ich sonderte dieses von dem, was ge-lehret und geboten wird. Unter dem ersten verstehe ich das, wasallen Ländern, allen sittlichen Menschen gemäß seyn würde; undunter dem zweiten, was das Volk Israel besonders angeht undverbindet. In wiefern mir das gelungen, wage ich selbst kaum zubeurtheilen, indem ich gegenwärtig nicht in der Lage bin, jeneStudien nochmals vorzunehmen, sondern was ich hieraus aufzu-stellen gedenke, aus frühern und spätern Papieren, wie es derAugenblick erlaubt, zusammentrage. Zwei Dinge sind es daher,auf die ich die Aufmerksamkeit meiner Leser zu richten wünschteErstlich auf die Entwickelung der ganzen Begebenheit dieses wun-derlichen Zugs aus dem Charakter des Feldherrn, der anfangsnicht in dem günstigsten Lichte erscheint, und zweitens auf die Ver-muthung, daß der Zug keine vierzig, sondern kaum zwei Jahregedauert; wodurch denn eben der Feldherr, dessen Betragen wirzuerst tadeln mußten, wieder gerechtfertigt und zu Ehren gebracht,zugleich aber auch die Ehre des Nationalgottes gegen den Un-glimpf einer Härte, die noch unerfreulicher ist als die Halsstar-rigkeit eines Volks, gerettet und beinah in seiner früheren Rein-heit wieder hergestellt wird.

Erinnern wir uns nun zuerst des Israelitischen Volkes inAegypten, an dessen bedrängter Lage die späteste Nachwelt auf-gerufen ist Theil zu nehmen. Unter diesem Geschlecht, aus demgewaltsamen Stamme Levi, tritt ein gewaltsamer Mann her-vor ; lebhaftes Gefühl von Recht und Unrecht bezeichnen denselben.Würdig seiner grimmigen Ahnherrn erscheint er, von denen derStammvater ausruft: „Die Briider Simeon und Levi! ihreSchwerter sind mörderische Waffen; meine Seele komme nichtin ihren Rath und meine Ehre sey nicht in ihrer Versammlung!denn in ihrem Zorn haben sie den Mann erwürgt und in ihremMuthwillen haben sie den Ochsen verderbt! Verflucht sey ihrZorn, daß er so heftig ist, und ihr Grimm, daß er so störrigist! Ich will sie zerstreuen in Jacob und zerstreuen in Israel."

Völlig nun in solchem Sinne kündigt sich Moses an. DenAegypter, der einen Jsraeliten mißhandelt, erschlägt er heim-lich. Sein patriotischer Meuchelmord wird entdeckt und er mußentfliehn. Wer, eine solche Handlung begehend, sich als bloßen^ Naturmenschen darstellt, nach dessen Erziehung hat man nichtUrsache zu fragen. Er sey von einer Fürstin als Knabe begün-stigt, er sey am Hose erzogen worden, nichts hat aus ihn gewirkt;er ist ein trefflicher, starker Mann geworden, aber unter allenVerhältnissen roh geblieben. Und als einen solchen kräftigen,kurz gebundenen, verschlossenen, der Mittheilung unfähigen fin-den wir ihn auch in der Verbannung wieder. Seine kühne Fausterwirbt ihm die Neigung eines Midianitischen Fürstenpriesters,der ihn sogleich mit seiner Familie verbindet. Nun lernt er dieWüste kennen, wo er künftig in dem beschwerlichen Amte eines^ Heerführers auftreten soll.

Und nun lasset uns vor allen Dingen einen Blick auf dieMidianiter werfen, unter welchen sich Moses gegenwärtig be-findet. Wir haben sie als ein großes Volk anzuerkennen, das,wie alle nomadischen und handelnden Völker, durch mannichfaltige