Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Aber der treffliche Pfarrer versetzte, würdig gesinnt, drauf:Widersprechen will ich Euch nicht. Ich weiß es, der Mensch sollImmer streben zum Bessern; und, wie wir sehen, er strebt auchImmer dem Höheren nach, zum wenigsten sucht er das diene.Aber geht nicht zu weit! Denn neben diesen GefühlenGab die Natur uns auch die Lust, zu verharren im Alten,

Und sich dessen zu freun, was jeder lange gewohnt ist.

Aller Zustand ist gut, der natürlich ist und vernünftig.

Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig;Denn die Tage sind kurz, und beschränkt der Sterblichen Schicksal.Niemals tadl' ich den Mann, der immer, thätig und rastlosUmgetrieben, das Meer und alle Straßen der ErdeKühn und emsig befählt und sich des Gewinnes erfreuet,Welcher sich reichlich um ihn und um die Seinen herum häuft ;Aber jener ist auch mir werth, der ruhige Bürger,

Der sein väterlich Erbe mit stillen Schritten umgehet,

Und die Erde besorgt, so wie es die Stunden gebieten.

Nicht verändert sich ihm in jedem Jahre der Boden,

Nicht streckt eilig der Baum, der neugepflanzte, die ArmeGegen den Himmel aus, mit reichlichen Blüthen gezieret.

Nein, der Mann bedarf der Geduld; er bedarf auch des reinen,Immer gleichen, ruhigen Sinns und des graben Verstandes.Denn nur wenige Samen vertraut er der nährenden Erde,Wenige Thiere nur versteht er, mehrend, zu ziehen;

Denn das Nützliche bleibt allein sein ganzer Gedanke.

Glücklich, wem die Natur ein so gestimmtes Gemüth gab!

Er ernähret uns alle. Und Heil dem Bürger des kleinenStädtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgergewerb paart!Auf ihm liegt nicht der Druck, der ängstlich den Landmann be-schränket ;

Ihn verwirrt nicht die Sorge der vielbegehrenden Städter,

Die dem Reicheren stets und dem Höheren, wenig vermögend,Nachzustreben gewohnt sind, besonders die Weiber und Mädchen.Segnet immer darum des Sohnes ruhig Bemühen,

Und die Gattin, die einst er, die gleichgesinnte, sich wählet.

Also sprach er. Es trat die Mutter zugleich mit dem Sohn ein,Führend ihn bei der Hand und vor den Gatten ihn stellend.Vater, sprach sie, wie oft gedachten wir, unter einanderSchwatzend, des fröhlichen Tags, der kommen würde, wennkünftig

Hermann, seine Braut sich erwählend, uns endlich erfreute!

Hin und wieder dachten wir da; bald dieses, bald jenesMädchen bestimmten wir ihm mit elterlichem Geschwätze.

Nun ist er kommen, der Tag; nun hat die Braut ihm der HimmelHergeführt und gezeigt, es hat sein Herz nun entschieden.

Sagten wir damals nicht immer: er solle selber sich wählen?Wünschtest du nicht noch vorhin, er möchte heiter und lebhaftFür ein Mädchen empfinden? Nun ist die Stunde gekommen!Ja, er hat gefühlt und gewählt, und ist männlich entschieden.Jenes Mädchen ist's, die Fremde, die ihm begegnet.

Gieb sie ihm; oder er bleibt, so schwur er, im ledigen Stande.

Und es sagte der Sohn: Die gebt mir, Vater! Mein Herz hatRein und sicher gewählt; Euch ist sie die würdigste Tochter.

Aber der Vater schwieg. Da stand der Geistliche schnell auf,Nahm das Wort, und sprach: Der Augenblick nur entscheidet

Ueber das Leben des Menschen und über sein ganzes Geschicke;Denn nach langer Berathung ist doch ein jeder Entschluß nurWerk des Moments, es ergreift doch nur der Verständ'ge dasRechte.

Immer gefährlicher ist's, beim Wählen dieses und jenesNebenher zu bedenken, und so das Gefühl zu verwirren.

Rein ist Hermann; ich kenn' ihn von Jugend auf; und er streckteSchon als Knabe die Hände nicht aus nach diesem und jenem:Was er begehrte, das war ihm gemäß; so hielt er es fest auch.Seyd nicht scheu und verwundert, daß nun auf einmal erscheinet,Was ihr so lange gewünscht. Es hat die Erscheinung fürwahr nichtJetzt die Gestalt des Wunsches, so wie Ihr ihn etwa geheget:Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; dieGaben

Kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.

Nun verkennet es nicht, das Mädchen, das Eurem geliebten,Guten, verständigen Sohn zuerst die Seele bewegt hat.

Glücklich ist der, dem sogleich die erste Geliebte die Hand reicht,Dem der lieblichste Wunsch nicht heimlich im Herzen verschmachtet!Ja, ich seh' es ihm an, es ist sein Schicksal entschieden.

Wahre Neigung vollendet sogleich zum Manne den Jüngling.Nicht beweglich ist er; ich fürchte, versagt Ihr ihm dieses,Gehen die Jahre dahin, die schönsten, in traurigem Leben.

Da versetzte sogleich der Apotheker bedächtig,

Dem schon lange das Wort von der Lippe zu springen bereit war:Laßt uns auch dießmal doch nur die Mittelstraße betreten!

Eile mit Weile! das war selbst Kaiser Augustus' Devise.

Gerne schick' ich mich an, den lieben Nachbarn zu dienen,Meinen geringen Verstand zu ihrem Nutzen zu brauchen:

Und besonders bedarf die Jugend, daß man sie leite.

Laßt mich also hinaus: ich will es prüfen, das Mädchen,

Will die Gemeinde befragen, in der sie lebt und bekannt ist.Niemand betrügt mich so leicht; ich weiß die Worte zu schätzen.

Da versetzte sogleich der Sohn mit geflügelten Worten:Thut es, Nachbar, und geht und erkundigt Euch. Aber ich wünsche,Daß der Herr Pfarrer sich auch in Eurer Gesellschaft befinde;Zwei so treffliche Männer sind unverwerfliche Zeugen.

O, mein Vater! sie ist nicht hergelaufen, das Mädchen,

Keine, die durch das Land auf Abentheuer umherschweift,

Und den Jüngling bestrickt, den unerfahrnen, mit Ränken.Nein, das wilde Geschick des allverderblichen Krieges,

Das die Welt zerstört und manches feste GebäudeSchon aus dem Grunde gehoben, hat auch die Arme vertrieben.Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend ?Fürsten fliehen vermummt, und Könige leben verbannet.

Ach, so ist auch sie, von ihren Schwestern die beste,

Aus dem Lande getrieben; ihr eigenes Unglück vergessend,

Steht sie anderen bei, ist ohne Hülfe noch hülfreich.

Groß sind Jammer und Noth, die über die Erde sich breiten;Sollte nicht auch ein Glück aus diesem Unglück hervorgehn,

Und ich, im Arme der Braut, der zuverlässigen Gattin,

Mich nicht erfreuen des Kriegs, so wie Ihr des Brandes Euchfreutet!

Da versetzte der Vater, und that bedeutend den Mund auf:Wie ist, o Sohn, dir die Zunge gelöst, die schon dir im Munde