Hermann und Dorothea.
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Und mit Ernst mir in dunkeler Zeit der Kindheit geboten.
Vieles hab' ich fürwahr von meinen Gespielen geduldet,
Wenn sie mit Tücke mir oft den guten Willen vergalten,Oftmals hab' ich an ihnen nicht Wurf noch Streiche gerochen:Aber spotteten sie mir den Vater aus, wenn er SonntagsAus der Kirche kam mit würdig bedächtigem Schritte,
Lachten sie über das Band der Mütze, die Blumen des Schlaf-rocks,
Den er so stattlich trug und der erst heute verschenkt ward:Fürchterlich ballte sich gleich die Faust mir; mit grimmigemWüthen
Fiel ich sie an und schlug und traf, mit blindem Beginnen,Ohne zu sehen wohin; sie heulten mit blutigen Nasen,
Und entrissen sich kaum den wüthenden Tritten und Schlägen.Und so wuchs ich heran, um viel vom Vater zu dulden,
Der statt anderer mich gar oft mit Worten herum nahm,
Wenn bei Rath ihm Verdruß in der letzten Sitzung erregt ward;Und ich büßte den Streit und die Ränke seiner Collegen.Oftmals habt Ihr mich selbst bedauert; denn vieles ertrug ich,Stets in Gedanken der Eltern von Herzen zu ehrende Wohlthat,Die nur sinnen, für uns zu mehren die Hab' und die Güter,Und sich selber manches entziehn, um zu sparen den Kindern.Aber, ach! nicht das Sparen allein, um spät zu genießen,Macht das Glück, es macht nicht das Glück der Haufe beimHaufen,
Nicht der Acker am Acker, so schön sich die Güter auch schließen.Denn der Vater wird alt, und mit ihm altern die Söhne,
Ohne die Freude des Tags, und mit der Sorge für morgen.Sagt mir, und schauet hinab, wie herrlich liegen die schönen,Reichen Gebreite nicht da, und unten Weinberg und Gärten,Dort die Scheunen und Ställe, die schöne Reihe der Güter;Aber seh' ich dann dort das Hinterhaus, wo an dem GiebelSich das Fenster uns zeigt von meinem Stübchen im Dache;Denk' ich die Zeiten zurück, wie manche Nacht ich den Mondschon
Dort erwartet und schon so manchen Morgen die Sonne,
Wenn der gesunde Schlaf mir nur wenige Stunden genügte:Ach! da kommt mir so einsam vor, wie die Kammer, der Hofund
Garten, das herrliche Feld, das über die Hügel sich hinstreckt;Alles liegt so öde vor mir: ich entbehre der Gattin.
Da antwortete drauf die gute Mutter verständig:
Sohn, mehr wünschest du nicht die Braut in die Kammer zuführen,
Daß dir werde die Nacht zur schönen Hälfte des Lebens,
Und die Arbeit des Tags dir freier und eigener werde,
Als der Vater es wünscht und die Mutter. Wir haben dir immerZugeredet, ja dich getrieben, ein Mädchen zu wählen.
Aber mir ist es bekannt, und jetzo sagt es das Herzmir:
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht dasrechte
Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,Und es wirket die Furcht, die falsche zu greifen, am meisten.Soll ich dir sagen, mein Sohn, so hast du, ich glaube, gewählet,Denn dein Herz ist getroffen und mehr als gewöhnlich empfindlich.Sag' es gerad nur heraus, denn mir schon sagt es die Seele:Jenes Mädchen ist's, das vertriebene, die du gewählt hast.Goethe, Werke. I.
Liebe Mutter, Ihr sagt's! versetzte lebhaft der Sohn drauf.Ja, sie ist's und führ' ich sie nicht als Braut mir nach HauseHeute noch, zieht sie fort, verschwindet vielleicht mir auf immerIn der Verwirrung des Kriegs und im traurigen Hin- und Her-ziehn:
Mutter, ewig umsonst gedeiht mir die reiche BesitzungDann vor Augen; umsonst sind künftige Jahre mir fruchtbar.Ja, das gewohnte Haus und der Garten ist mir zuwider;
Ach! und die Liebe der Mutter, sie selbst nicht tröstet den Armen.Denn es löset die Liebe, das fühl' ich, jegliche Bande,
Wenn sie die ihrigen knüpft; und nicht das Mädchen allein läßtVater und Mutter zurück, wenn sie dem erwähleten Mann folgt;Auch der Jüngling, er weiß nichts mehr von Mutter und Vater,Wenn er das Mädchen sieht, das einziggeliebte, davon ziehn.Darum lasset mich gehn, wohin die Verzweiflung mich antreibt.Denn mein Vater, er hat die entscheidenden Worte gesprochen,Und sein Haus ist nicht mehr das meine, wenn er das MädchenAusschließt, das ich allein nach Haus zu führen begehre.
Da versetzte behend die gute verständige Mutter:
Stehen wie Felsen doch zwei Männer gegen einander!
Unbewegt und stolz will keiner dem andern sich nähern,
Keiner zum guten Worte, dem ersten, die Zunge bewegen.Darum sag' ich dir, Sohn: noch lebt die Hoffnung in meinemHerzen, daß er sie dir, wenn sie gut und brav ist, verlobe,Obgleich arm, so entschieden er auch die Arme versagt hat.Denn er redet gar manches in seiner heftigen Art aus,
Das er doch nicht vollbringt; so giebt er auch zu das Versagte.Aber ein gutes Wort verlangt er, und kann es verlangen;Denn er ist Vater! Auch wissen wir wohl, sein Zorn ist nachTische,
Wo er heftiger spricht und anderer Gründe bezweifelt,
Nie bedeutend; es reget der Wein dann jegliche Kraft aufSeines heftigen Wollens, und läßt ihn die Worte der andernNicht vernehmen, er hört und fühlt alleine sich selber.
Aber es kommt der Abend heran, und die vielen GesprächeSind nun zwischen ihm und seinen Freunden gewechselt:
Milder ist er fürwahr, ich weiß, wenn das Räuschchen vorbei ist,Und er das Unrecht fühlt, das er anderen lebhaft erzeigte.Komm'! wir wagen es gleich; das Frischgewagte geräth nur,Und wir bedürfen der Freunde, die jetzo bei ihm noch versammeltSitzen; besonders wird uns der würdige Geistliche helfen.
Also sprach sie behende, und zog, vom Steine sich hebend,Auch vom Sitze den Sohn, den willig folgenden. BeideKamen schweigend herunter, den wichtigen Vorsatz bedenkend.
Polyhymnia.
Äer Weltbürger.
Aber es saßen die Drei noch immer sprechend zusammen,Mit dem geistlichen Herrn der Apotheker beim Wirthe,
Und es war das Gespräch noch immer ebendasselbe,
Das viel hin und her nach allen Seiten geführt ward.
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