Hermann und Dorothea
389
Grimmig erhob sich darauf in unsern Männern die Wuth nun,Das Verlorne zu rächen und zu vertheid'gen die Reste.
Alles ergriff die Waffen, gelockt von der Eile des Flüchtlings,Und vom blassen Gesicht und scheu unsicheren Blicke.
Rastlos nun erklang das Getön der stürmenden Glocke,
Und die künft'ge Gefahr hielt nicht die grimmige Wuth auf.Schnell verwandelte sich des Feldbau'« friedliche RüstungNun in Wehre; da troff von Blute Gabel und Sense.
Ohne Begnadigung fiel der Feind, und ohne Verschonung;Ueberall ras'te die Wuth und die feige tückische Schwäche.
Möcht' ich den Menschen doch nie in dieser schnöden VerirrungWiederseht!! Das wüthende Thier ist ein besserer Anblick.Sprech' er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren!Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,
Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurücktrieb.
Trefflicher Mann! versetzte darauf der Pfarrer mit Nach-druck.
Wenn ihr den Menschen verkennt, so kann ich Euch darum nichtschelten;
Habt Ihr doch Böses genug erlitten vom wüsten Beginnen!Wolltet Ihr aber zurück die traurigen Tage durchschauen,Würdet Ihr selber gestehn, wie oft Ihr auch Gutes erblicktet,Manches Treffliche, das verborgen bleibt in dem Herzen,
Regt die Gefahr es nicht auf, und drängt die Noth nicht denMenschen,
Daß er als Engel sich zeig', erscheine den andern ein Schutzgott.
Lächelnd versetzte darauf der alte würdige Richter:
Ihr erinnert mich klug, wie oft nach dem Brande des HausesMan den betrübten Besitzer an Gold und Silber erinnert,
Das geschmolzen im Schutt nun überblieben zerstreut liegt.Wenig ist es fürwahr, doch auch das wenige köstlich;
Und der Verarmte grabet ihm nach, und freut sich des Fundes.Und so kehr' ich auch gern die heitern Gedanken zu jenenWenigen guten Thaten, die aufbewahrt das Gedächtniß.
Ja, ich will es nicht läugnen, ich sah sich Feinde versöhnen,
Um die Stadt vom Uebel zu retten; ich sah auch der Freunde,Sah der Eltern Lieb' und der Kinder Unmögliches wagen;
Sah wie der Jüngling auf einmal zum Mann ward; sah wieder Greis sich
Wieder verjüngte, das Kind sich selbst als Jüngling enthüllte,Ja, und das schwache Geschlecht, so wie es gewöhnlich genanntwird,
Zeigte sich tapfer und mächtig, und gegenwärtigen Geistes.
Und so laßt mich vor allen der schönen That noch erwähnen,
Die hochherzig ein Mädchen vollbrachte, die treffliche Jungfrau,Die auf dem großen Gehöft allein mit den Mädchen zurllckblieb;Denn es waren die Männer auch gegen die Fremden gezogen.Da überfiel den Hof ein Trupp verlaufnen Gesindels,Plündernd, und drängte sogleich sich in die Zimmer der Frauen.Sie erblickten das Bild der schön erwachsenen JungfrauUnd die lieblichen Mädchen, noch eher Kinder zu heißen.
Da ergriff sie wilde Begier; sie stürmten gefühllosAuf die zitternde Schaar und auf's hochherzige Mädchen.
Aber sie riß dem einen sogleich von der Seite den Säbel,
Hieb ihn nieder gewaltig; er stürzt' ihr blutend zu Füßen.
Dann mit männlichen Streichen befreite sie tapfer die Mädchen,
Traf noch viere der Räuber; doch die entflohen dem Tode.
Dann verschloß sie den Hof, und harrte der Hülfe, bewaffnet.
Als der Geistliche nun das Lob des Mädchens vernommen,Stieg die Hoffnung sogleich für feinen Freund im Gemüth auf,Und er war im Begriff, zu fragen, wohin sie gerathen?
Ob auf der traurigen Flucht sie nun mit dem Volk sich befinde?
Aber da trat herbei der Apotheker behende,
Zupfte den geistlichen Herrn, und sagte die wispernden Worte:Hab' ich doch endlich das Mädchen aus vielen hundert gefunden,Nach der Beschreibung! So kommt und sehet sie selber mit Augen;Nehmet den Richter mit Euch, damit wir das Weitere hören.Und sie kehrten sich um, und weg ward gerufen der RichterBon den Seinen, die ihn, bedürftig des Rathes, verlangten.Doch es folgte sogleich dem Apotheker der PfarrherrAn die Lücke des Zauns, und jener deutete listig.
Seht Ihr, sagt' er, das Mädchen? Sie hat die Puppe gewickelt,Und ich erkenne genau den alten Cattun und den blauenKissenüberzug wohl, den ihr Hermann im Bündel gebracht hat.Sie verwendete schnell, fürwahr, und gut die Geschenke.
Diese sind deutliche Zeichen, es treffen die übrigen alle;
Denn der rothe Latz erhebt den gewölbeten Busen,Schöngeschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;Sauber ist der Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,
Und umgiebt ihr das Kinn, das runde, mit reinlicher Anmuth;Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund,
Und die starken Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt;
Sitzt sie gleich, so sehen wir doch die treffliche Größe,
Und den blauen Rock, der, viel gefaltet, vom BusenReichlich herunterwallt zum wohlgebildeten Knöchel.
Ohne Zweifel, sie ist's. Drum kommet, damit wir vernehmen,Ob sie gut und tugendhaft sey, ein häusliches Mädchen.
Da versetzte der Pfarrer, mit Blicken die Sitzende prüfend:Daß sie den Jüngling entzückt, fürwahr es ist mir kein Wunder;Denn sie hält vor dem Blick des erfahrenen Mannes die Probe.Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!Denn sie empfiehlst ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling,Jeder nahet sich gern, und jeder möchte verweilen,
Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.
Ich versichr' Euch, es ist dem Jüngling ein Mädchen gefunden,Das ihm die künftigen Tage des Lebens herrlich erheitert,
Treu mit weiblicher Kraft durch alle Zeiten ihm beisieht.
So ein vollkommner Körper gewiß bewahrt auch die SeeleRein, und die rüstige Jugend verspricht ein glückliches Alter.
Und es sagte darauf der Apotheker bedenklich:
Trüget doch öfter der Schein! Ich mag dem Aeußern nichttrauen;
Denn ich habe das Sprichwort so ost erprobet gefunden:
Eh du den Scheffel Salz mit dem neuen Bekannten verzehret,Darfst du nicht leichtlich ihm Kauen; dich macht die Zeit nurgewisser,
Wie du es habest mit ihm, und wie die Freundschaft bestehe.Lasset uns also zuerst bei guten Leuten uns umthun,
Denen das Mädchen bekannt ist, und die uns von ihr nun er-zählen.