Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Auch ich lobe die Vorsicht, versetzte der Geistliche folgend.Frei'n wir doch nicht für uns! Für andre frei'n ist bedenklich.

Und sie gingen darauf dem wackern Richter entgegen,

Der in seinen Geschäften die Straße wieder heraufkam.

Und zu ihm sprach sogleich der kluge Pfarrer mit Vorsicht:Sagt! wir haben ein Mädchen gesehn, das im Garten zunächsthier

Unter dem Apfelbaum sitzt, und Kindern Kleider verfertigtAus getragnem Cattun, der ihr vermuthlich geschenkt ward.

Uns gefiel die Gestalt; sie scheinet der Wackeren eine.

Saget uns, was Ihr wißt; wir fragen aus löblicher Absicht.

Als in den Garten zu blicken der Richter sogleich nun her-zutrat,

Sagt' er: Diese kennet Ihr schon; denn wenn ich erzählteBon der herrlichen That, .die jene Jungfrau verrichtet,

Als sie das Schwert ergriff und sich und die Ihren beschützte —Diese war's! Ihr seht es ihr an, sie ist rüstig geboren,

Aber so gut wie stark; denn ihren alten VerwandtenPflegte sie bis zum Tode, da ihn der Jammer dahinrißUeber des Städtchens Noth und seiner Besitzung Gefahren.Auch, mit stillem Gemüth, hat sie die Schmerzen ertragenUeber des Bräutigams Tod, der, ein edler Jüngling, imersten

Feuer des hohen Gedankens, nach edler Freiheit zu streben,Selbst hinging nach Paris und bald den schrecklichen Tod fand;Denn wie zu Hause, so dort, bestritt er Willkür und Ränke.Also sagte der Richter. Die beiden schieden und dankten,

Und der Geistliche zog ein Goldstück (das Silber des BeutelsWar vor einigen Stunden von ihm schon milde verspendet,

Als er die Flüchtlinge sah in traurigen Haufen vorbeiziehn),

Und er reicht' es dem Schulzen und sagte: Theilet den PfennigUnter die Dürftigen aus, und Gott vermehre die Gabe!

Doch es weigerte sich der Mann, und sagte: Wir habenManchen Thaler gerettet und manche Kleider und Sachen,

Und ich hoffe, wir kehren zurück, noch eh' es verzehrt ist.

Da versetzte der Pfarrer, und drückt' ihm das Geld in dieHand ein:

Niemand säume zu geben in diesen Tagen, und niemandWeigre sich anzunehmen, was ihm die Milde geboten!

Niemand weiß, wie lang er es hat, was er ruhig besitzet;Niemand, wie lang er noch in fremden Landen umherziehtUnd des Ackers entbehrt und des Gartens, der ihn ernähret.

Ei doch! sagte darauf der Apotheker geschäftig.

Wäre mir jetzt nur Geld in der Tasche, so solltet Jhr's haben,Groß wie klein; denn viele gewiß der Euren bedürfen's.Unbeschenkt doch lass' ich Euch nicht, damit Ihr den WillenSehet, woferne die That auch hinter dem Willen zurückbleibt.Also sprach er, und zog den gestickten ledernen BeutelAn den Riemen hervor, worin der Tobak ihm verwahrt war,Oeffnete zierlich und theilte; da fanden sich einige Pfeifen.

Klein ist die Gabe, setzt' er dazu. Da sagte der Schultheiß:Guter Tobak ist doch dem Reisenden immer willkommen.

Und es lobte darauf der Apotheker den Knaster.

Aber der Pfarrherr zog ihn hinweg, und sie schieden vomRichter.

Eilen wir! sprach der verständige Mann; es wartet der JünglingPeinlich; er höre so schnell als möglich die fröhliche Botschaft.

Und sie eilten und kamen und fanden den Jüngling gelehnetAn den Wagen unter den Linden. Die Pferde zerstampftenWild den Rasen; er hielt sie im Zaum, und stand in Gedanken,Blickte still vor sich hin und sah die Freunde nicht eher,

Bis sie kommend ihn riefen und fröhliche Zeichen ihm gaben.Schon so ferne begann der Apotheker zu sprechen;

Doch sie traten näher hinzu. Da faßte der PfarrherrSeine Hand, und sprach und nahm dem Gefährten das Wort weg:Heil dir, junger Mann! dein treues Auge, dein treuesHerz hat richtig gewählt! Glück dir und dem Weibe der Jugend!Deiner ist sie werth; drum komm' und wende den Wagen,

Daß wir fahrend sogleich die Ecke des Dorfes erreichen,

Und sie werben und bald nach Hause führen die Gute.

Aber der Jüngling stand, und ohne Zeichen der FreudeHört' er die Worte des Boten, die himmlisch waren und tröstlich,Seufzete tief und sprach: Wir kamen mit eilendem FuhrwerkUnd wir ziehen vielleicht beschämt und langsam nach Hause:Denn hier hat mich, seitdem ich warte, die Sorge befallen,Argwohn und Zweifel und alles, was nur ein liebendes Herzkränkt.

Glaubt Ihr, wenn wir nur kommen, so werde das Mädchenuns folgen,

Weil wir reich sind, aber sie arm und vertrieben einherzieht?Armuth selbst macht stolz, die unverdiente. GenügsamScheint das Mädchen und thätig; und so gehört ihr die Welt an.Glaubt Ihr, es sey ein Weib von solcher Schönheit und SitteAufgewachsen, um nie den guten Jüngling zu reizen?

Glaubt Ihr, sie habe bis jetzt ihr Herz verschlossen der Liebe?Fahret nicht rasch bis hinan; wir möchten zu unsrer BeschämungSachte die Pferde herum nach Hause lenken. Ich fürchte,Irgend ein Jüngling besitzt dieß Herz, und die wackere Hand hatEingeschlagen und schon dem Glücklichen Treue versprochen.

Ach! da steh' ich vor ihr mit meinem Antrag beschämet.

Ihn zu trösten, öffnete drauf der Pfarrer den Mund schon;Doch es fiel der Gefährte mit seiner gesprächigen Art ein:Freilich! so wären wir nicht vor Zeiten verlegen gewesen,

Da ein jedes Geschäft nach seiner Weise vollbracht ward.

Hatten die Eltern die Braut für ihren Sohn sich ersehen,

Ward zuvörderst ein Freund vom Hause vertraulich gerufen;Diesen sandte man dann als Freiersmann zu den ElternDer erkorenen Braut, der dann in stattlichem PutzeSonntags etwa nach Tische den würdigen Bürger besuchte,Freundliche Worte mit ihm im Allgemeinen zuvörderstWechselnd, und klug das Gespräch zu lenken und wenden ver-stehend.

Endlich nach langem Umschweif ward auch der Tochter erwähnet,Rühmlich, und rühmlich des Manns und des Hauses, von demman gesandt war.

Kluge Leute merkten die Absicht; der kluge GesandteMerkte den Willen gar bald, und konnte sich weiter erklären.Lehnte den Antrag mau ab, so war auch ein Korb nicht verdrießlich.