Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Unsere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren ZeitenHielten auf Höflichkeit viel; sie war dem Edlen und BürgerWie den Bauern gemein, und jeder empfahl sie den Seinen.Und so brachten bei uns auf deutscher Seite gewöhnlichAuch die Kinder des Morgens mit Händeküssen und KnixchenSegenswünsche den Eltern, und hielten sittlich den Tag aus.Alles, was ich gelernt und was ich von jung auf gewohnt bin,Was von Herzen mir geht — ich will es dem Alten erzeigen.Aber wer sagt mir nunmehr: wie soll ich dir selber begegnen,Dir, dem einzigen Sohne, und künftig meinem Gebieter?

Also sprach sie, und eben gelangten sie unter den Birnbaum.Herrlich glänzte der Mond, der volle, vom Himmel herunter;Nacht war's, völlig bedeckt das letzte Schimmern der Sonne.Und so lagen vor ihnen in Massen gegen einander,

Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte.

Und es hörte die Frage, die freundliche, gern in dem SchattenHermann des herrlichen Baums, am Orte, der ihm so lieb war,Der noch heute die Thränen um seine Vertriebne gesehen.

Und indem sie sich nieder ein wenig zu ruhen gesetzet,

Sagte der liebende Jüngling, die Hand des Mädchens ergreifend:Laß dein Herz dir es sagen, und folg' ihm frei nur in allem.Aber er wagte kein weiteres Wort, so sehr auch die StundeGünstig war; er fürchtete, nur ein Nein zu ereilen,

Ach, und er fühlte den Ring am Finger, das schmerzliche Zeichen.Also saßen sie still und schweigend neben einander.

Aber das Mädchen begann und sagte: Wie find' ich des MondesHerrlichen Schein so süß! er ist der Klarheit des Tags gleich.Seh' ich doch dort in der Stadt die Häuser deutlich und Höfe,An dem Giebel ein Fenster; mich däucht, ich zähle die Scheiben.

Was du siehst, versetzte darauf der gehaltene Jüngling,

Das ist unsere Wohnung, in die ich nieder dich führe,

Und dieß Fenster dort ist meines Ziminers im Dache,

Das vielleicht das deine nun wird; wird verändern im Hause.Diese Felder sind unser, sie reifen zur morgenden Emte.

Hier im Schatten wollen wir ruhn und des Mahles genießen.Aber laß uns nunmehr hinab durch Weinberg und GartenSteigen; denn sieh, es rückt das schwere Gewitter herüber,Wetterleuchten!:, und bald verschlingend den lieblichen Vollmond.

Und so standen sie auf und wandelten nieder, das Feld hin,Durch das mächtige Korn, der nächtlichen Klarheit sich freuend;Und sie waren zum Weinberg gelangt und traten in's Dunkel.

Und so leitet' er sie die vielen Platten hinunter,

Die, unbehauen gelegt, als Stufen dienten im Laubgang.Langsam schritt sie hinab, auf seinen Schultern die Hände;

Und mit schwankenden Lichtern, durch's Laub, überblickte derMond sie,

Eh' er, von Wetterwolken umhüllt, im Dunkeln das Paar ließ.Sorglich stützte der Starke das Mädchen, das über ihn herhing;Aber sie, unkundig des Steigs und der roheren Stufen,

Fehlte tretend, es knackte der Fuß, sie drohte zu fallen.

Eilig streckte gewandt der sinnige Jüngling den Arm aus,

Hielt empor die Geliebte; sie sank ihm leis' auf die Schulter,Brust war gesenkt an Brust und Wang' an Wange. So stand er,

Starr wie ein Marmorbild, vom ernsten Willen gebändigt,Drückte nicht fester sie an, er stemmte sich gegen die Schwere.Und so fühlt' er die herrliche Last, die Wärme des Herzens,

Und den Balsam des Athems, an seinen Lippen verhauchet,Trug mit Mannesgefühl die Heldengröße des Weibes.

Doch sie verhehlte den Schmerz, und sagte die scherzendenWorte:

Das bedeutet Verdruß, so sagen bedenkliche Leute,

Wenn beim Eintritt in's Haus, nicht fern von der Schwelle, derFuß knackt.

Hätt' ich mir doch fürwahr ein besseres Zeichen gewünschet!

Laß uns ein wenig verweilen, damit dich die Eltern nicht tadelnWegen der hinkenden Magd, und ein schlechter Wirth du er-scheinest.

Urania.

Aussicht.

Musen, die ihr so gern die herzliche Liebe begünstigt,

Auf dem Wege bisher den trefflichen Jüngling geleitet,

An die Brust ihm das Mädchen noch vor der Verlobung gedrückthabt:

Helfet auch ferner den Bund des lieblichen Paares vollenden,Theilet die Wolken sogleich, die über ihr Glück sich herausziehn!Aber saget vor allem, was jetzt im Hause geschiehet.

Ungeduldig betrat die Mutter zum drittenmal wiederSchon das Zimmer der Männer, das sorglich erst sie verlassen,Sprechend vom nahen Gewitter, vom schnellen Verdunkeln desMondes;

Dann vom Außenbleiben des Sohns und der Nächte Gefahren;Tadelte, lebhaft die Freunde, daß, ohne das Mädchen zu sprechen,Ohne zu werben für ihn, sie so bald sich vom Jüngling getrennet.

Mache nicht schlimmer das Uebel! versetzt' unmuthig der Vater;Denn du siehst, wir harren ja selbst, und warten des Ausgangs.

Aber gelassen begann der Nachbar sitzend zu sprechen:Immer verdank' ich es doch in solch unruhiger StundeMeinem seligen Vater, der mir, als Knaben, die WurzelAller Ungeduld ausriß, daß auch kein Fäschen zurückblieb,

Und ich erwarten lernte sogleich, wie keiner der Weisen.

Sagt, versetzte der Pfarrer: welch Kunststück brauchte derAlte?

Das erzähl' ich Euch gern, denn jeder kann es sich merken.Sagte der Nachbar darauf. Als Knabe stand ich am SonntagUngeduldig einmal, die Kutsche begierig erwartend,

Die uns sollte hinaus zum Brunnen führen der Linden.

Doch sie kam nicht; ich lief, wie ein Wiesel, dahin und dorthin,Treppen hinauf und hinab, und von dem Fenster zur Thüre.Meine Hände prickelten mir; ich kratzte die Tische,