Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

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Dann gedenket auch mein und meines freundlichen Dienstes,Den ich aus Liebe mehr als aus Verwandtschaft geleistet.

Was ihr mir Gutes erzeigt, erkenn' ich durch's künftige Leben.Ungern lass' ich euch zwar; doch jeder ist dießmal dem andernMehr zur Last als zum Trost, und alle müssen wir endlichUns im fremden Lande zerstreu'n, wenn die Rückkehr versagt ist.Seht, hier steht der Jüngling, dem wir die Gaben verdanken,Diese Hülle des Kinds und jene willkommene Speise.

Dieser kommt und wirbt, in seinem Haus mich zu sehen,

Daß ich diene daselbst den reichen trefflichen Eltern;

Und ich schlag' es nicht ab; denn überall dienet das Mädchen,Und ihr wäre zur Last, bedient im Hause zu ruhen.

Also folg' ich ihm gern; er scheint ein verständiger Jüngling.

Und so werden die Eltern es seyn, wie Reichen geziemet.

Darum lebet nun wohl, geliebte Freundin, und freuetEuch des lebendigen Säuglings, der schon so gesund Euch anblickt.Drücket Ihr ihn an die Brust in diesen farbigen Wickeln,

O, so gedenket des Jünglings, des guten, der sie uns reichte,Und der künftig auch mich, die Eure, nähret und kleidet.

Und Ihr, trefflicher Mann, so sprach sie gewendet zum Richter,Habt Dank, daß Ihr Vater mir war't in mancherlei Fällen.

Und sie kniete darauf zur guten Wöchnerin nieder,

Küßte die weinende Frau, und vernahm des Segens Gelispel.Aber du sagtest indeß, ehrwürdiger Richter, zu Hermann:

Billig seyd Ihr, o Freund, zu den guten Wirthen zu zählen,Die mit tüchtigen Menschen den Haushalt zu führen bedacht sind.Denn ich habe wohl oft gesehn, daß man Rinder und Pferde,So wie Schafe, genau bei Tausch und Handel betrachtet;

Aber den Menschen, der alles erhält, wenn er tüchtig undgut ist,

Und der alles zerstreut und zerstört durch falsches Beginnen,Diesen nimmt man nur so aus Glück und Zufall in's Haus ein,Und bereuet zu spät ein übereiltes Entschließen.

Aber es scheint, Ihr versteht's; denn Ihr habt ein Mädchenerwählet,

Euch zu dienen im Haus und Euren Eltern, das brav ist.

Haltet sie wohl! Ihr werdet, so lang sie der Wirthschaft sich an-nimmt,

Nicht die Schwester vermissen, noch Eure Eltern die Tochter.

Viele kamen indeß, der Wöchnerin nahe Verwandte,Manches bringend und ihr die bessere Wohnung verkündend.Alle vernahmen des Mädchens Entschluß, und segneten HermannMit bedeutenden Blicken und mit besondern Gedanken.

Denn so sagte wohl eine zur andern flüchtig an's Ohr hin:Wenn aus dem Herrn ein Bräutigam wird, so ist sie geborgen.Hermann faßte darauf sie bei der Hand an und sagte:

Laß uns gehen; es neigt sich der Tag, und fern ist das Städtchen.Lebhaft gesprächig umarmten darauf Dorotheen die Weiber.Hermann zog sie hinweg; noch viele Grüße befahl sie.

Aber da fielen die Kinder, mit Schrei'n und entsetzlichemWeinen,

Ihr in die Kleider, und wollten die zweite Mutter nicht lassen.Aber ein' und die andre der Weiber sagte gebietend:

Stille! Kinder! sie geht in die Stadt und bringt euch des gutenZuckerbrodes genug, das euch der Bruder bestellte,

Als der Storch ihn jüngst beim Zuckerbäcker vorbeitrug,

Und ihr sehet sie bald mit den schön vergoldeten Deuten.

Und so ließen die Kinder sie los, und Hermann entriß sieNoch den Umarmungen kaum und den fernewinkenden Tüchern.

Melpomene.

Hermann und Dorothea.

Also gingen die Zwei entgegen der sinkenden Sonne,

Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,

Aus dem Schleier, bald hier bald dort, mit glühenden BlickenStrahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.

Möge das drohende Wetter, so sagte Hermann, nicht etwaSchloßen uns bringen und heftigen Guß: denn schön ist die Ernte.Und sie freuten sich beide des hohen wankenden Kornes,

Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.

Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,

Dach und Fach, wenn im Freien so manchem Vertriebnen derSturm dräut!

Saget mir jetzt vor allem, und lehret die Eltern mich kennen.Denen ich künftig zu dienen von ganzer Seele geneigt bin;

Denn kennt jemand den Herrn, so kann er ihm leichter genugthun,

Wenn er die Dinge bedenkt, die jenem die wichtigsten scheinen,Und auf die er den Sinn, den festbestimmten, gesetzt hat.Darum saget mir doch: wie gewinn' ich Vater und Mutter?

Und es versetzte dagegen der gute verständige Jüngling:

O, wie geb' ich dir Recht, du gutes treffliches Mädchen,

Daß du zuvörderst dich nach dem Sinne der Eltern befragest!Denn so strebt' ich bisher vergebens, dem Vater zu dienen,Wenn ich der Wirthschaft mich als wie der meinigen annahm,Früh den Acker und spät und so besorgend den Weinberg.

Meine Mutter befriedigt' ich wohl, sie wußt' es zu schätzen;

Und so wirst du ihr auch das trefflichste Mädchen erscheinen,Wenn du das Haus besorgst, als wenn du das deine bedächtest,Aber dem Vater nicht so; denn dieser liebet den Schein auch.Gutes Mädchen, halte mich nicht für kalt und gefühllos,

Wenn ich den Vater dir sogleich, der Fremden, enthülle.

Ja, ich schwör' es, das erstemal ist's, daß frei mir ein solchesWort die Zunge verläßt, die nicht zu schwätzen gewohnt ist;Aber du lockst mir hervor aus der Brust ein jedes Vertrauen.Einige Zierde verlangt der gute Vater im Leben,

Wünschet äußere Zeichen der Liebe, so wie der Verehrung,

Und er würde vielleicht vom schlechteren Diener befriedigt,

Der dieß wüßte zu nutzen, und würde dem besseren gram seyn.

Freudig sagte sie drauf, zugleich die schnelleren SchritteDurch den dunkelnden Pfad verdoppelnd mit leichter Bewegung:Beide zusammen hoff ich fürwahr zufrieden zu stellen;

Denn der Mutter Sinn ist wie mein eigenes Wesen,

Und der äußeren Zierde bin ich von Jugend nicht fremde.