Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

411

Ist mir keiner bekannt, auf den ich mich lieber verließe.

Denn der gefräßige Bär war trotzig zu mir gekommen;

Er ist grimmig und stark, daß ich um vieles nicht hätteIhm zur Seite die Reise gewagt. Nun aber versteht sich's,Gerne geh' ich mit euch. Wir machen uns frühe des MorgensAuf den Weg: so scheinet es mir das Beste gerathen.

Hinze versetzte darauf: Es wäre bester, wir machtenGleich uns fort nach Hose, so wie wir gehen und stehen.

Auf der Heide scheinet der Mond, die Wege sind trocken.

Reineke sprach: Ich finde bei Nacht das Reisen gefährlich.Mancher grüßet uns freundlich bei Tage, doch käm' er imFinstern

Uns in den Weg, es möchte wohl kaum zum Besten gerathen.

Aber Hinze versetzte: So laßt mich wissen, mein Neffe,Bleib' ich hier, was sollen wir essen? Und Reineke sagte:Aermlich behelfen wir uns; doch wenn ihr bleibet, so bring' ichFrische Honigscheiben hervor , ich wähle die klarsten.

Niemals ess ich dergleichen, versetzte murrend der Kater.Fehlet euch alles im Hause, so gebt eine Maus her! Mit dieserBin ich am besten versorgt, und sparet den Honig für andre.

Eßt ihr Mäuse so gern? sprach Reineke: redet mir ernstlich;Damit kann ich euch dienen. Es hat mein Nachbar, der Pfaffe,Eine Scheun' im Hofe, darin sind Mäuse, man führeSie auf keinem Wagen hinweg; ich höre den PfaffenKlagen, daß sie bei Nacht und Tag ihm lästiger werden.

Unbedächtig sagte der Kater: Thut mir die Liebe,

Bringet mich hin zu den Mäusen! denn über Wildpret und allesLob' ich mir Mäuse, die schmecken am besten. Und Reinekesagte:

Nun wahrhaftig, ihr sollt mir ein herrliches Gastmahl genießen.Da mir bekannt ist, womit ich euch diene, so laßt uns nichtzaudern.

Hinze glaubt' ihm und folgte; sie kamen zur Scheune desPfaffen,

Zu der lehmernen Wand. Die hatte Reineke gesternKlug durchgraben und hatte durch's Loch dem schlafenden PfaffenSeiner Hähne den besten entwendet. Das wollte MartinchenRächen, des geistlichen Herrn geliebtes Söhnchen; er knüpfteKlug vor die Oeffnung den Strick mit einer Schlinge; so hofft' erSeinen Hahn zu rächen am wiederkehrenden Diebe.

Reineke wußt' und merkte sich das, und sagte: GeliebterNeffe, kriechet hinein gerade zur Oeffnung: ich halteWache davor, indessen ihr mauset; ihr werdet zu HaufenSie im Dunkeln erhäschen. O höret, wie munter sie pfeifen!Seyd ihr satt, so kommt nur zurück, ihr findet mich wieder.Trennen dürfen wir nicht uns diesen Abend; denn morgenGehen wir früh und kürzen den Weg mit muntern Gesprächen.

Glaubt ihr, sagte der Kater, es sey hier sicher zu kriechen?Denn es haben mitunter die Pfaffen auch Böses im Sinne.

Da versetzte der Fuchs, der Schelm: Wer konnte das wissen!Seyd ihr so blöde? Wir gehen zurück; es soll euch mein WeibchenGut und mit Ehren empfangen, ein schmackhaft Essen bereiten;Wenn es auch Mäuse nicht sind, so laßt es uns fröhlich verzehren.

Aber Hinze, der Kater, sprang in die Oeffnung, er schämteSich vor Neinekcns spottenden Worten, und fiel in die Schlinge.Also empfanden Reinekens Gäste die böse Bewirthung.

Da nun Hinze den Strick an seinem Halse verspürte,

Fuhr er ängstlich zusammen und übereilte sich furchtsam;

Denn er sprang mit Gewalt: da zog der Strick sich zusammen.Kläglich rief er Reineken zu, der außer dem LocheHorchte, sich hämisch erfreute uno so zur Oeffnung hineinsprach:Hinze, wie schmecken die Mäuse? Ihr findet sie, glaub' ich,gemästet.

Wüßte Martinchen doch nur, daß ihr sein Wildpret verzehret,Sicher brächt' er euch Senf; er ist ein höflicher Knabe.

Singet man so bei Hofe zum Essen? Es klingt mir bedenklich.Müßt' ich Isegrim nur in diesem Loche, so wie ichEuch zu Falle gebracht; er sollte mir alles bezahlen,

Was er mir Uebels gethan! Und so ging Reineke weiter.

Aber er ging nicht allein, um Diebereien zu üben;

Ehbruch, Rauben und Mord und Verrath, er hielt es nichtsündlich.

Und er hatte sich eben was ausgesonnen. Die schöneGieremund wollt' er besuchen in doppelter Absicht: für's ersteHofft' er von ihr zu erfahren, was eigentlich Isegrim klagte;Zweitens wollte der Schalk die alten Sünden erneuern.

Isegrim war nach Hofe gegangen, das wollt' er benutzen;

Denn wer zweifelt daran, es hatte die Neigung der WölfinZu dem schändlichen Fuchse den Zorn des Wolfes entzündet.Reineke trat in die Wohnung der Frauen und fand sie nicht heimisch.Grüß' euch Gott! Stieskinderchen! sagt' er, nicht mehr undnicht minder,

Nickte freundlich den Kleinen und eilte nach seinem Gewerbe.

Als Frau Gieremund kam des Morgens, wie es nur tagte,Sprach sie: Ist niemand kommen, nach mir zu fragen ? So ebenGeht Herr Pathe Reineke fort, er wünscht' euch zu sprechen.Alle, wie wir hier sind, hat er Stiefkinder geheißen.

Da rief Gieremund aus: Er soll es bezahlen! und eilteDiesen Frevel zu rächen zur selben Stunde. Sie wußte,

Wo er Pflegte zu gehen; sie erreicht' ihn, zornig begann sie:Was für Worte sind das? und was für schimpfliche RedenHabt ihr ohne Gewissen vor meinen Kindern gesprochen?Büßen sollt ihr dafür! So sprach sie zornig und zeigt' ihmEin ergrimmtes Gesicht; sie faßt' ihn am Barte, da fühlt' erIhrer Zähne Gewalt und lief und wollt' ihr entweichen;

Sie behend strich hinter ihm drein. Da gab es Geschichten.

Ein verfallenes Schloß war in der Nähe gelegen:

Hastig liefen die beiden hinein; es hatte sich aberAltershalben die Mauer an einem Thurme gespalten.

Reineke schlüpfte hindurch; allein er mußte sich zwängen,

Denn die Spalte war eng; und eilig steckte die Wölfin,