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Reinrke Auch«.
Es ist dicht und stark, darin verwahr' ich die Briese.
Und es wird euch dagegen der König besonders belohnen;
Er empfängt euch mit Ehren, ihr seyd ihm dreimal willkommen.
Alles das glaubte der Widder Bellyn. Da eilte der andreWieder in's Haus, das Ränzel ergriff er und steckte behendeLampens Haupt, des ermordeten, drein, und dachte darneben,Wie er dem armen Bellyn die Tasche zu öffnen verwehrte.
Und er sagte, wie er heraus kam: Hänget das RänzelNur um den Hals und laßt euch, mein Neffe, nicht etwa gelüsten,In die Briefe zu sehen: es wäre schädliche Neugier;
Denn ich habe sie wohl verwahrt, so müßt ihr sie lassen.
Selbst das Ränzel öffnet mir nicht! Ich habe den KnotenKünstlich geknüpft, ich pflege das so in wichtigen DingenZwischen dem König und mir; und findet der König die RiemenSo verschlungen, wie er gewohnt ist, so werdet ihr GnadeUnd Geschenke verdienen als zuverlässiger Bote.
Ja sobald ihr den König erblickt und wollt noch in beßresAnsetzn euch setzen bei ihm, so laßt ihn merken, als hättetIhr mit gutem Bedacht zu diesen Briefen gerathen,
Ja dem Schreiber geholfen; es bringt euch Vortheil und Ehre.
Und Bellyn ergötzte sich sehr und sprang von der Stätte,Wo er stand, mit Freuden empor und hierhin und dorthin,Sagte: Reineke! Neffe und Herr, nun seh'ich, ihr liebt mich,Wollt mich ehren. Es wird vor allen Herren des HofesMir zum Lobe gereichen, daß ich so gute Gedanken,
Schöne, zierliche Worte zusammen bringe. Denn freilichWeiß ich nicht zu schreiben, wie ihr; doch sollen sie's meinen,Und ich dank' es nur euch. Zu meinem Besten geschah es,
Daß ich euch folgte hierher. Nun sagt, was meint ihr noch weiter?Geht nicht Lampe mit mir in dieser Stunde von hinnen?
Nein! versteht mich! sagte der Schalk; noch ist es unmöglich.Geht allmählig voraus, er soll euch folgen, sobald ichEinige Sachen von Wichtigkeit ihm vertraut und befohlen.
Gott sey bei euch! sagte Bellyn; so will ich denn gehen.
Und er eilcte fort; um Mittag gelangt' er nach Hofe.
Als ihn der König ersah und zugleich das Ränzel erblickte,Sprach er: Saget, Bellyn, von wannen kommt ihr? und wo istReineke blieben? Ihr traget das Ränzel; was soll das bedeuten?
Da versetzte Bellyn: Er bat mich, gnädigster König,
Euch zwei Briefe zu bringen; wir haben sie beide zusammenAusgedacht. Ihr findet subtil die wichtigsten SachenAbgehandelt, und was sie enthalten, das hab' ich gerathen.
Hier im Ränzel finden sie sich; er knüpfte den Knoten.
Und es ließ der König sogleich dem Biber gebieten,
Der Notarius war und Schreiber des Königs, man nannt' ihnBokert; es war sein Geschäft, die schweren, wichtigen BriefeVor dem König zu lesen; denn manche Sprache verstand er.Auch nach Hinzen schickte der König, er sollte dabei seyn.
Als nun Bokert den Knoten mit Hinze, seinem Gesellen,Ausgelöset, zog er das Haupt des ermordeten Hasen
Mit Erstaunen hervor, und rief: Das heiß' ich mir Briefe!Seltsam genug! Wer hat sie geschrieben? Wer kann es erklären?Dieß ist Lampens Kopf; es wird ihn niemand verkennen.
Und es erschraken König und Königin. Aber der König' Senkte sein Haupt und sprach: O, Reineke! hätt' ich dich wieder!
^ König und Königin beide betrübten sich über die Maaßen.Reineke hat mich betrogen! so rief der König. O hätt' ichSeinen schändlichen Lügen nicht Glauben gegeben! so rief er,Schien verworren, mit ihm verwirrten sich alle die Thiere.
Aber Lupardus begann, des Königs naher Verwandter:Traun! ich sehe nicht ein, warum ihr also betrübt seyd,
Und die Königin auch. Entfernet diese Gedanken;
Fasset Muth! es möcht' euch vor allen zur Schande gereichen.Seyd ihr nicht Herr? Es müssen euch alle, die hier sind, gehorchen.
Eben deßwegen, versetzte der König, so laßt euch nicht wundern,Daß ich im Herzen betrübt bin. Ich habe mich leider vergangen.Denn mich hat der Verräther mit schändlicher Tücke bewogen,Meine Freunde zu strafen. Es liegen beide geschändet,
Braun und Isegrim; sollte mich's nicht von Herzen gereuen?Ehre bringt es mir nicht, daß ich den besten BaronenMeines Hofes so übel begegnet, und daß ich dem LügnerSo viel Glauben geschenkt und ohne Vorsicht gehandelt.
Meiner Frauen folgt' ich zu schnell; sie ließ sich bethören,
Bat und flehte für ihn; o wär' ich nur fester geblieben!
Nun ist die Reue zu spät, und aller Rath ist vergebens.
Und es sagte Lupardus: Herr König, höret die Bitte,Trauert nicht länger! was Uebels geschehn ist, läßt sich ver-gleichen.
Gebet dem Bären, dem Wolfe, der Wölfin zur Sühne denWidder;
Denn es bekannte Bellyn gar offen und kecklich, er habeLampens Tod gerathen; das mag er nun wieder bezahlen!
Und wir wollen hernach zusammen auf Reineken losgehn,Werden ihn fangen, wenn es geräth; da hängt man ihn eilig;Kommt er zum Worte, so schwätzt er sich los und wird nichtgehangen.
Aber ich weiß es gewiß, es lassen sich jene versöhnen.
Und der König hörte das gern; er sprach zu Lupardus:
Euer Rath gefällt mir. So geht nun eilig und holetMir die beiden Baronen; sie sollen sich wieder mit EhrenIn dem Rathe neben mich setzen. Laßt mir die ThiereSämmtlich zusammenberufen, die hier bei Hofe gewesen;
Alle sollen erfahren, wie Reineke schändlich gelogen,
Wie er entgangen und dann mit Bellyn den Lampe getödtet.Alle sollen dem Wolf und dem Bären mit Ehrfurcht begegnen,Und zur Sühne geb' ich den Herren, wie ihr gerathen,
Den Verräther Bellyn und seine Verwandten auf ewig.
Und es eilte Lupardus, bis er die beiden Gebundnen,Braun und Isegrim, fand. Sie wurden gelöset; da sprach er:
^ Guten Trost vernehmet von mir! Ich bringe des KönigsFesten Frieden und freies Geleit. Versteht mich, ihr Herren:Hat der König euch Uebels gethan, so ist es ihm selber