Reineke
Leid, er läßt es euch sagen, und wiinscht euch beide zufrieden;
Und zur Sühne sollt ihr Bellyn mit seinem Geschlechte,
Ja mit allen Verwandten auf ewige Zeiten empfahen.
Ohne weiteres tastet sie an, ihr möget im Walde,
Möget im Felde sie finden, sie sind euch alle gegeben.
Dann erlaubt euch mein gnädiger Herr noch über das alles,Reineken, der euch verrieth, auf jede Weise zu schaden;
Ihn, sein Weib und Kinder und alle seine VerwandtenMögt ihr verfolgen, wo ihr sie trefft, es hindert euch niemand.Diese köstliche Freiheit verkünd' ich im Namen des Königs.
Er und alle, die nach ihm herrschen, sie werden es halten!
Nur vergesset denn auch, was euch Verdrießlichs begegnet;Schwöret ihm treu und gewärtig zu seyn, ihr könnt es mit Ehren.Nimmer verletzt er euch wieder; ich rath' euch, ergreifet denVorschlag!
Also war die Sühne beschlossen; sie mußte der WidderMit dem Halse bezahlen, und alle seine VerwandtenWerden noch immer verfolgt von Jsegrim's mächtiger Sippschaft.So begann der ewige Haß: nun fahren die WölfeOhne Scheu und Scham auf Lämmer und Schafe zu wüthenFort, sie glauben das Recht auf ihrer Seite zu haben;
Keines verschonet ihr Grimm, sie lassen sich nimmer versöhnen.Aber um Braun's und Jsegrim's willen und ihnen zu EhrenLieß der König den Hos zwölf Tage verlängern; er wollteOefsentlich zeigen, wie Ernst es ihm sey, die Herrn zu versöhnen.
Siebenter Gesang.
Und nun sah man den Hof gar herrlich bestellt und bereitet;Manche Ritter kamen dahin; den sämmtlichen ThierenFolgten unzählige Vogel, und alle zusammen verehrtenBraun und Isegrim hoch, die ihrer Leiden vergaßen.
Da ergötzte sich festlich die beste Gesellschaft, die jemalsNur beisammen gewesen; Trompeten und Pauken erklangen,Und den Hoftanz führte man auf mit guten Manieren.Ueberflüssig war alles bereitet, was jeder begehrte.
Boten auf Boten gingen in's Land und luden die Gäste;
Vögel und Thiere machten sich auf, sie kamen zu Paaren,Reiseten hin bei Tag und bei Nacht, und eilten zu kommen.Aber Reineke Fuchs lag auf der Lauer zu Hause,
Dachte nicht nach Hofe zu gehn, der verlogene Pilger;
Wenig Dankes erwartet' er sich. Nach altem GebraucheSeine Tücke zu üben gefiel am besten dem Schelme.
Und man hörte bei Hof die allerschönsten Gesänge;
Speis' und Trank ward über und über den Gästen gereichet;Und man sah turnieren und fechten. Es hatte sich jederZu den Seinen gesellt; da ward getanzt und gesungen,
Und man hörte Pfeifen dazwischen und hörte Schalmeien.Freundlich schaute der König von seinem Saale hernieder;
Ihm behagte das große Getümmel, er sah es mit Freuden.
Und acht Tage waren vorbei (es hatte der KönigSich zu Tafel gesetzt mit seinen ersten Baronen;
Neben der Königin saß er), und blutig kam das KaninchenVor den König getreten, und sprach mit traurigem Sinne:
Fuchs. 425
Herr! Herr König! und alle zusammen! erbarniet euch meiner.'Denn ihr habt so argen Verrath und mördrische Thaten,
Wie ich von Reineken dießmal erduldet, nur selten vernommen.Gestern Morgen fand ich ihn sitzen, es war um die sechsteStunde, da ging ich die Straße vor Malepartus vorüber;
Uud ich dachte den Weg in Frieden zu ziehen. Er hatte,
Wie ein Pilger gekleidet, als läs' er Morgengebete,
Sich vor seine Pforte gesetzt. Da wollt' ich behendeMeines Weges vorbei, zu eurem Hofe zu kommen.
Als er mich sah, erhub er sich gleich und trat mir entgegen,
Und ich glaubt', er wollte mich grüßen; da faßt' er mich aberMit den Pfoten gar mörderlich an, und zwischen den OhrenFühlt' ich die Klauen, und dachte wahrhaftig das Haupt zu ver-lieren ,
Denn sie sind lang und scharf; er druckte mich nieder zur Erde.Glücklicherweise macht' ich mich los, und da ich so leicht bin,Konnt' ich entspringen; er knurrte mir nach und schwur mich zufinden.
Aber ich schwieg und machte mich fort, doch leider behielt erMir ein Ohr zurück, ich komme mit blutigem Haupte.
Seht, vier Löcher trug ich davon! Ihr werdet begreifen,
Wie er mit Ungestüm schlug, fast wär' ich liegen geblieben.
Nun bedenket die Noth, bedenket euer Geleite!
Wer mag reisen, wer mag an eurem Hofe sich finden,
Wenn der Räuber die Straße belegt und alle beschädigt?
Und er endigte kaum, da kam die gesprächige Krähe,Merkenau, sagte: Würdiger Herr und gnädiger König!Traurige Mähre bring' ich vor euch; ich bin nicht im StandeViel zu reden vor Jammer und Angst, ich fürchte, das bricht mirNoch das Herz; so jämmerlich Ding begegnet' mir heute.Scharfenebbe, mein Weib, und ich wir gingen zusammenHeute früh, und Reineke lag für todt auf der Heide,
Beide Augen im Kopfe verkehrt, es hing ihm die ZungeWeit zum offenen Munde heraus. Da fing ich vor SchreckenLaut an zu schrein. Erregte sich nicht, ich schrie und beklagt' ihn,Rief: O weh mir! und Ach! und wiederholte die Klage:
Ach! er ist todt! wie dauert er mich! wie bin ich bekümmert!Meine Frau betrübte sich auch; wir jammerten beide.
Und ich betastet' ihm Bauch und Haupt, es nahte deßgleichenMeine Frau sich und trat ihm an's Kinn, ob irgend der AthemEiniges Leben verrieth'; allein sie lauschte vergebens;
Beide hätten wir drauf geschworen. Nun höret das Unglück!Wie sie nun traurig und ohne Besorgniß dem Munde desSchelmen
Ihren Schnabel näher gebracht, bemerkt' es der Unhold,Schnappte grimmig nach ihr und riß das Haupt ihr herunter.Wie ich erschrak, das will ich nicht sagen. O weh mir! o wehmir!
Schrie ich und rief. Da schoß er hervor und schnappte mit einmalAuch nach mir; da fuhr ich zusammen und eilte zu fliehen.
Wär' ich nicht so behende gewesen, er hätte mich gleichfallsFest gehalten; mit Noth entkam ich den Klauen des Mörders;Eilend erreicht' ich den Baum! O hätt' ich mein trauriges LebenNicht gerettet! ich sah mein Weib in des Bösewichts Klauen,Ach! er hatte die Gute gar bald gegessen. Er schien mirSo begierig und hungrig, als wollt' er noch einige speisen;Nicht ein Beinchen ließ er zurück, kein Knöchelchen übrig.