Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

429

Dir ein Mächtiger nimmt, das hast du besessen; der KlageGiebt man wenig Gehör und sie ermüdet am Ende.

Unser Herr ist der Löwe, und alles an sich zu reißenHält er seiner Würde gemäß. Er nennt uns gewöhnlichSeine Leute; fürwahr, das Unsre, scheint es, gehört ihm!

Darf ich reden, mein Oheim? Der edle König, er liebt sichGanz besonders Leute, die bringen, und die nach der Weise,Die er singt, zu tanzen verstehn; man sieht es zu deutlich.

Daß der Wolf und der Bär zum Rathe wieder gelangen,Schadet noch manchem; sie stehlen und rauben; es liebt sie derKönig;

Jeglicher sieht es und schweigt, er denkt an die Reihe zn komnien.Mehr als vier befinden sich so zur Seite des Herren,Ausgezeichnet vor allen, sie sind die Größten am Hofe.

Nimmt ein armer Teufel, wie Reineke, irgend ein Hühnchen,Wollen sie alle gleich über ihn her, ihn suchen und fangen,

Und verdammen ihn laut mit Einer Stimme zum Tode.

Kleine Diebe hängt man so weg, es haben die großenStarken Vorsprung, mögen das Land und die Schlösser ver-walten.

Sehet, Oheim, bemerk' ich nun das und sinne darüber,

Nun, so spiel' ich halt auch mein Spiel, und denke darnebenOefters bei mir: es muß ja wohl recht seyn; thun's doch so viele!Freilich regt sich dann auch das Gewissen, und zeigt mir von ferneGottes Zorn und Gericht, und läßt mich das Ende bedenken;Ungerecht Gut, so klein es auch sey, man muß es erstatten.

Und da fühl' ich denn Reu' im Herzen; doch währt es nicht lange.Ja was hilft dich's der Beste zu seyn? es bleiben die BestenDoch nicht unberedet in diesen Zeiten vom Volke;

Denn es weiß die Menge genau nach allem zu forschen,Niemand vergessen sie leicht, erfinden dieses und jenes.

Wenig Gutes ist in der Gemeine, und wirklich verdienenWenige drunter auch gute, gerechte Herren zu haben:

Denn sie singen und sagen vom Bösen immer und immer,

Auch das Gute wissen sie zwar von großen und kleinenHerren, doch schweigt man davon und selten kommt es zurSprache.

Doch das Schlimmste find' ich den Dünkel des irrigen Wahnes,Der die Menschen ergreift: es könne jeder im TaumelSeines heftigen Wollens die Welt beherrschen und richten.Hielte doch jeder sein Weib und seine Kinder in Ordnung,Wüßte sein trotzig Gesinde zu bändigen, könnte sich stille,

Wenn die Thoren verschwenden, in mäßigem Leben erfreuen!Aber wie sollte die Welt sich verbessern? Es läßt sich ein jederAlles zu und will mit Gewalt die andern bezwingen.

Und so sinken wir tiefer und immer tiefer in's Arge.

Afterreden, Lug und Verrath und Diebstahl, und falscherEidschwur, Rauben und Morden, manhörtnichtsanders erzählen.Falsche Propheten und Heuchler betrügen schändlich die Menschen.Jeder lebt nur so hin! und will man sie treulich ermähnen,Nehmen sie's leicht und sagen auch wohl: Ei, wäre die SündeGroß und schwer, wie hier und dort uns manche GelehrtePredigen, würde der Pfaffe die Sünde selber vermeiden.

Sie entschuldigen sich mit bösem Exempel, und gleichenGänzlich dem Affengeschlecht, das, nachzuahmen geboren,

Weil es nicht denket und wählt, empfindlichen Schaden erduldet.

Freilich sollten die geistlichen Herrn sich besser betragen.Manches könnten sie thun, wofern sie es heimlich vollbrächten:

Aber sie schonen uns nicht, uns andre Laien, und treibenAlles, was ihnen beliebt, vor unsern Augen, als wärenWir mit Blindheit geschlagen; allein wir sehen zu deutlich,

Ihre Gelübde gefallen den guten Herren so wenig,

Als sie dem sündigen Freunde der weltlichen Werke behagen.Denn so haben über den Alpen die Pfaffen gewöhnlichEigens ein Liebchen; nicht weniger sind in diesen Provinzen,

Die sich sündlich vergeh«. Man will mir sagen, sie habenKinder wie andre verehlichte Leute; und sie zu versorgenSind sie eifrig bemüht und bringen sie hoch in die Höhe.

Diese denken hernach nicht weiter, woher sie gekommen,

Lassen niemand den Rang und gehen stolz und gerade,

Eben als wären sie edlen Geschlechts, und bleiben der Meinung,Ihre Sache sey richtig. So Pflegte man aber vor diesemPsaffenkinder so hoch nicht zu halten; nun heißen sie alleHerren und Frauen. Das Geld ist freilich alles vermögend.Selten findet man fürstliche Lande, worin nicht die PfaffenZölle und Zinsen erhüben und Dörfer und Mühlen benutzten.Diese verkehren die Welt, es lernt die Gemeinde das Böse:Denn man sieht, so hält es der Pfaffe, da sündiget jeder,

Und vom Guten leitet hinweg ein Blinder den andern.

Ja wer merkte denn wohl die guten Werke der frommenPriester, und wie sie die heilige Kirche mit gutem ExempelAuferbauen? Wer lebt nur darnach? Man stärkt sich im Bösen.So geschieht es im Volke; wie sollte die Welt sich verbessern?

Aber höret mich weiter. Ist einer unächt geboren,

Sey er ruhig darüber; was kann er weiter zur Sache?

Denn ich meine nur so, versteht mich. Wird sich ein solcherNur mit Demuth betragen und nicht durch eitles BenehmenAndre reizen, so fällt es nicht auf, und hätte man UnrechtUeber dergleichen Leute zu reden. Es macht die Geburt unsWeder edel noch gut, noch kann sie zur Schande gereichen.

Aber Tugend und Laster, sie unterscheiden die Menschen.

Gute, gelehrte geistliche Männer, man hält sie, wie billig,

Hoch in Ehren, doch geben die Bösen ein böses Exempel.Predigt so einer das Beste, so sagen doch endlich die Laien:Spricht er das Gute und thut er das Böse, was soll man er-wählen?

Auch der Kirche thut er nichts Gutes, er prediget jedem:

Leget nur aus und bauet die Kirche! das rath' ich, ihr Lieben,Wollt ihr Gnade verdienen und Ablaß! so schließt er die Rede,Und er legt wohl wenig dazu, ja gar nichts, und fieleSeinetwegen die Kirche zusammen. So hält er denn weiterFür die beste Weise zu leben, sich köstlich zu kleiden,

Lecker zu essen. Und hat sich so einer um weltliche SachenUebermäßig bekümmert, wie will er beten und singen?

Gute Priester sind täglich und stündlich im Dienste des HerrenFleißig begriffen , und üben das Gute; der heiligen KircheSind sie nütze; sie wissen die Laien durch gutes ExempelAuf dem Wege des Heils zur rechten Pforte zu leiten.

Aber ich kenne denn auch die bekappten; sie Plärren und plappernImmer zum Scheine so fort, und suchen immer die Reichen;Wissen den Leuten zu schmeicheln und gehn am liebsten zu Gaste.Bittet man Einen, so kommt auch der Zweite; da finden sichweiter

Noch zu diesen zwei oder drei. Und wer in dem KlosterGut zu schwätzen versteht, der wird im Orden erhoben,

Wird zum Lesemeister, zum Custos oder zum Prior;