Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

Denn ich erzählt' ihm ein Mährchen, und Schätze wußt' ich zudichten.

Ja ich hatte daran nicht genug, ich tödtete Lampen,

Ich bepackte Bellyn mit dem Haupt des Ermordeten; grimmigSah der König auf ihn, er mußte die Zeche bezahlen.

Und das Kaninchen, ich drückt' es gewaltig hinter die Ohren,Daß es beinah das Leben verlor, und war mir verdrießlich,Daß es entkam. Auch muß ich bekennen, die Krähe beklagt sichNicht mit Unrecht, ich habe Frau Scharfenebbe sein WeibchenAufgegessen. Das hab' ich begangen, seitdem ich gebeichtet.Aber damals vergaß ich nur eines, ich will es erzählen,

Eine Schalkheit, die ich beging, ihr müßt sie erfahren;

Denn ich mochte nicht gern so etwas tragen; ich lud esDamals dem Wolf auf den Rücken. Wir gingen nijmlich zu-sammen

Zwischen Kackyß und Elverdingen, da sahn wir von weitemEine Stute mit ihrem Fohlen, und eins wie das andreWie ein Rabe so schwarz; vier Monat mochte das FohlenAlt seyn. Und Isegrim war vom Hunger gepeinigt, da bat er:Fraget mir doch, verkauft uns die Stute nicht etwa das Fohlen?Und wie theuer? Da ging ich zu ihr und wagte das Stückchen.Liebe Frau Mähre, sagt' ich zu ihr, das Fohlen ist euer,

Wie ich weiß; verkauft ihr es wohl? Das möcht' ich erfahren.Sie versetzte: Bezahlt ihr es gut, so kann ich es missen;

Und die Summe, für die es mir feil ist, ihr werdet sie lesen,Hinten steht sie geschrieben an meinem Fuße. Da merkt' ich,Was sie wollte, versetzte darauf: Ich muß euch bekennen,

Lesen und schreiben gelingt mir nicht eben so, wie ich es wünschte.Auch begehr' ich des Kindes nicht selbst: denn Isegrim möchteDas Verhältniß eigentlich wissen; er hat mich gesendet.

Laßt ihn kommen! versetzte sie drauf; er soll es erfahren.

Und ich ging, und Isegrim stand und wartete meiner.

Wollt ihr euch sättigen, sagt' ich zu ihm, so geht nur; die MähreGiebt euch das Fohlen, es steht der Preis am Hinteren FußeUnten geschrieben; ich mochte nur, sagte sie, selber da nachsehn.Aber zu meinem Verdruß mußt' ich schon manches versäumen,Weil ich nicht lesen und schreiben gelernt. Versucht es, meinOheim,

Und beschauet die Schrift, ihr werdet vielleicht sie verstehen.Isegrim sagte: Was sollt' ich nicht lesen! das wäre mir seltsam!Deutsch, Latein und Wälsch, sogar Französisch versteh' ich:Denn in Erfurt hab' ich mich wohl zur Schule gehalten,

Bei den Weisen, Gelahrten, und mit den Meistern des RechtesFragen und Urtheil gestellt; ich habe meine LicenzenFörmlich genommen, und was für Scripturen man immer auchfindet,

Les' ich, als wär' es mein Name. Drum wird es mir heute nichtfehlen.

Bleibet! ich geh' und lese die Schrift, wir wollen doch sehen!Und er ging und fragte die Frau: Wie theuer das Fohlen?Macht es billig! Sie sagte darauf: Ihr dürft nur die SummeLesen; sie stehet geschrieben an meinem Hinteren Fuße.

Laßt mich sehen! versetzte der Wolf. Sie sagte: Das thu' ich!Und sie hub den Fuß empor aus dem Grase; der war erstMit sechs Nägeln beschlagen; sie schlug gar richtig und fehlteNicht ein Härchen, sie traf ihm den Kopf, er stürzte zur Erden,Lag betäubt wie todt. Sie aber eilte von dannen,

Was sie konnte. So lag er verwundet, es dauerte lange.

Eine Stunde verging, da regt' er sich wieder und heulteWie ein Hund. Ich trat ihm zur Seite und sagte: Herr Oheim,Wo ist die Stute? Wie schmeckte das Fohlen? Ihr habt euchgesättigt,

Habt mich vergessen: ihr thatet nicht wohl; ich brachte die Bot-schaft!

Nach der Mahlzeit schmeckte das Schläfchen. Wie lautete, sagtmir,

Unter dem Fuße die Schrift? Ihr seyd ein großer Gelehrter!Ach! versetzt' er, spottet ihr noch? Wie bin ich so übelDießmal gefahren! Es sollte fürwahr ein Stein sich erbarmen.Die langbeinige Mähre! Der Henker mag's ihr bezahlen!

Denn der Fuß war mit Eisen beschlagen; das waren die Schriften!Neue Nägel! ich habe davon sechs Wunden im Kopfe.

Kaum behielt er sein Leben. Ich habe nun alles gebeichtet,Lieber Reffe! vergebet mir nun die sündigen Werke!

Wie es bei Hofe geräth, ist mißlich; aber ich habeMein Gewissen befreit und mich von Sünden gereinigt.

Saget nun, wie ich mich beßre, damit ich zu Gnaden gelange.

Grimbart sprach: Ich find' euch von neuem mit Sünden be-laden.

Doch es werden die Todten nicht wieder lebendig; es wäreFreilich besser, wenn sie noch lebten. So will ich, mein Oheim,In Betrachtung der schrecklichen Stunde, der Nähe des Todes,Der euch droht, die Sünde vergeben als Diener des Herren:Denn sie streben euch nach mit Gewalt; ich fürchte das Schlimmste,Und man wird euch vor allem das Haupt des Hasen gedenken!Große Dreistigkeit war es, gesteht's, den König zn reizen,

Und es schadet euch mehr, als euer Leichtsinn gedacht hat.

Nicht ein Haar! versetzte der Schelm. Und daß ich euch sage:Durch die Welt sich zu helfen ist ganz was Eignes; man kann sichNicht so heilig bewahren als wie im Kloster, das wißt ihr.Handelt einer mit Honig, er leckt zuweilen die Finger.

Lampe reizte mich sehr; er sprang herüber, hinüber,

Mir vor den Augen herum, sein fettes Wesen gefiel mir,

Und ich setzte die Liebe bei Seite. So gönnt' ich BellynenWenig Gutes. Sie haben den Schaden; ich habe die Sünde,i Aber sie sind zum Theil auch so plump, in jeglichen DingenGrob und stumpf. Ich sollte noch viel Ceremonien machen?Wenig Lust behielt ich dazu. Ich hatte von HofeMich mit Aengsten gerettet, und lehrte sie dieses und jenes,Aber es wollte nicht fort. Zwar jeder sollte den NächstenLieben, das muß ich gestehn; indessen achtet' ich dieseWenig, und todt ist todt, so sagt ihr selber. Doch laßt unsj Andre Dinge besprechen; es sind gefährliche Zeiten.

; Denn wie geht es von oben herab? Man soll ja nicht reden;

! Doch wir andern merken darauf, und denken das Unsre,j Raubt der König ja selbst so gut als einer, wir wissen's;

! Was er selber nicht nimmt, das läßt er Bären und Wölfez Holen, und glaubt, es geschähe mit Recht. Da findet sich keiner,^ Der sich getraut ihm die Wahrheit zu sagen, so weit hinein ist es^ Böse, kein Beichtiger, kein Caplan; sie schweigen! Warum das?! Sie genießen es mit, und wär' nur ein Rock zu gewinnen.

> Komme dann einer und klage! der haschte mit gleichem GewinneNach der Lust, er tödtet die Zeit und beschäftigte besserj Sich mit neuem Erwerb. Denn fort ist fort, und was einmal