Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

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Lampen getödtet, Bellyncn verführt und frecher als jemalsAlles läugnet und sich als treuen und redlichen DienerAnzupreisen erkühnt, indessen alle zusammenLaute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen,

Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen,Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt.Nein! ich duld' es nicht länger! Dagegen sagte die Aeffin:Freilich ist's nicht vielen gegeben, in jeglichen FällenKlug zu handeln und klug zu rathen, und wem es gelinget,

Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die NeiderIhm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich,Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmalsSchon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen,Wie er in Füllen euch weise gerathen, wenn alle verstummten.Wißt ihr noch (vor kurzem geschah'«), der Mann und die SchlangeKamen vor euch und niemand verstund die Sache zu schlichten;Aber Reineke sand's, ihr lobtet ihn damals vor allen.

Und der König versetzte nach kurzem Bedenken dagegen:

Ich erinnre der Sache mich wohl, doch hab' ich vergessen,

Wie sie zusammenhing; sie war verworren, so dünkt mich.Wißtihrsie noch, so laßt sie mich hören! es macht mir Vergnügen.

Und sie sagte: Befiehlt es mein Herr, so soll es geschehen.Eben sind's zwei Jahre, da kam ein Lindwurm und klagteStürmisch, gnädiger Herr, vor euch: es wollt' ihm ein BauerNicht im Rechte sich fügen, ein Mann, den zweimal das UrtheilNicht begünstigt. Er brachte den Bauern vor euern GerichtshofUnd erzählte die Sache mit vielen heftigen Worten.

Durch ein Loch im Zaune zu kriechen gedachte die Schlange,Fing sich aber im Stricke, der vor die Oeffnung gelegt war;Fester zog die Schlinge sich zu, sie hätte das LebenDort gelassen, da kam ihr zum Glück ein Wandrer gegangen;Aengstlich rief sie: Erbarme dich meiner und mache mich ledig!Laß dich erbitten! Da sagte der Mann: Ich will dich erlösen,Denn mich jammert dein Elend: allein erst sollst du mir schwören,Mir nichts Leides zu thun. Die Schlange fand sich erbötig,Schwur den theuersten Eid, sie wolle auf keinerlei WeiseIhren Befreier verletzen, und so erlös'te der Mann sie.

Und sie gingen ein Weilchen zusammen, da fühlte die SchlangeSchmerzlichen Hunger: sie schoß auf den Mann und wollt' ihnerwürgen,

Ihn verzehren; mit Angst und Noth entsprang ihr der Arme.Das ist mein Dank? Das hab' ich verdient? so rief er. Undhast du

Nicht geschworen den theuersten Eid? Da sagte die Schlange:Leider nöthiget mich der Hunger, ich kann mir nicht helfen;Noth erkennt kein Gebot, und so besteht es zu Rechte.

Da versetzte der Mann: So schone nur meiner so lange,

Bis wir zu Leuten kommen, die unparteiisch uns richten.

Und es sagte der Wurm: Ich will mich so lange gedulden.

Also gingen sie weiter, und fanden über dem WasserPflückebeutel, den Raben, mit seinem Sohne; man nennt ihnOuackeler. Und die Schlange berief sie zu sich, und sagte:Kommt und höret! Es hörte die Sache der Rabe bedächtig,

Und er richtete gleich, den Mann zu essen; er hoffteSelbst ein Stück zu gewinnen. Da freute die Schlange sichhöchlich:

Nun ich habe gesiegt! es kann mir's niemand verdenken.

Nein! versetzte der Mann; ich habe nicht völlig verloren;

Sollt' ein Räuber zum Tode verdanimen? und sollte nur EinerRichten? Ich fordere ferner Gehör, im Gange des Rechtes;Laßt uns vor vier, vor zehn die Sache bringen und hören!

Gehn wir! sagte die Schlange. Sie gingen und es begegnet'Ihnen der Wolf und der Bär, und alle traten zusammen.

Alles befürchtete nun der Mann: denn zwischen den sünfenWar es gefährlich zu stehn und zwischen solchen Gesellen;

Ihn umringten die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben.Bange war ihm genug; denn bald verglichen sich beide,

Wolf und Bär, das Urtheil in dieser Maaße zu fällen:

Tödten dürfe die Schlange den Mann; der leidige HungerKenne keine Gesetze, die Noth entbinde vom Eidschwnr.

Sorgen und Angst befielen den Wandrer; denn alle zusammenWollten sein Leben. Da schoß die Schlange mit grimmigemZischen,

Spritzte Geifer auf ihn, und ängstlich sprang er zur Seite.Großes Unrecht, rief er, begehst du! Wer hat dich znm HerrenUeber mein Leben gemacht? Sie sprach: Du hast es vernommen;Zweimal sprachen die Richter, und zweimal hast du verloren.Ihr versetzte der Mann: Sie rauben selber und stehlen;

Ich erkenne sie nicht; wir wollen zum Könige gehen.

Mag er sprechen, ich füge mich drein; und wenn ich verliere,Hab' ich noch Uebels genug, allein ich will es ertragen.Spottend sagte der Wolf und der Bär: Du magst es versuchen,Aber die Schlange gewinnt, sie wird's nicht besser begehren.Denn sie dachten, es würden die sämmtlichen Herren des HofesSprechen wie sie, und gingen getrost und führten den Wandrer,Kamen vor euch, die Schlange, der Wolf, der Bär und die Raben;Ja selbdritt erschien der Wolf, er hatte zwei Kinder,

Eitelbauch hieß der eine, der andre Nimmersatt. BeideMachten dem Mann am meisten zu schaffen; sie waren gekommenAuch ihr Theil zu verzehren; denn sie sind immer begierig,Heulten damals vor euch, mit unerträglicher Grobheit;

Ihr verbotet den Hof den beiden plumpen Gesellen.

Da berief sich der Mann auf eure Gnaden, erzählte,

Wie ihn die Schlange zu tödten gedenke; sie habe der WohlthatVöllig vergessen, sie breche den Eid! So fleht' er um Rettung.Aber die Schlange läugnete nicht: Es zwingt mich des HungersAllgewaltige Noth, sie kennet keine Gesetze.

Gnädiger Herr, da war't ihr bekümmert; es schien euch die SacheGar bedenklich zu seyn, und rechtlich schwer zu entscheiden.

Denn es schien euch hart den guten Mann zu verdammen,

Der sich hülfreich bewiesen; allein ihr dachtet dagegenAuch des schmählichen Hungers. Und so berieft ihr die Räthe.Leider war die Meinung der meisten dem Manne zum Nachtheil;Denn sie wünschten die Mahlzeit und dachten der Schlange zuhelfen.

Doch ihr sendetet Boten nach Reineken: alle die andernSprachen gar manches, und konnten die Sache zu Rechte nichtscheiden.

Reineke kam, und hörte den Vortrag; ihr legtet das UrtheilIhm in die Hände, und wie er es spräche, so sollt' es geschehen.Reineke sprach mit gutem Bedacht: Ich finde vor allemNöthig den Ort zu besuchen, und seh' ich die Schlange gebundenWie der Bauer sie fand, so wird das Urtheil sich geben.

Und man band die Schlange von neuem an selbiger Stätte,

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Goethe, Werke. l.