Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

443

Zwölstrr Gesang.

Als der König Reimten sah, wie dieser am KreiseGlatt geschoren sich zeigte, mit Oel und schlüpfrigem FetteUeber und über gesalbt, da lacht' er über die Maaßen.

Fuchs! wer lehrte dich das? so rief er. Mag man doch billigReineke Fuchs dich heißen; du bist beständig der lose!

Aller Orten kennst du ein Loch, und weißt dir zu helfen.

Reineke neigte sich tief vor dem Könige, neigte besondersBor der Königin sich und kam mit muthigen SprüngenIn den Kreis. Da hatte der Wolf mit seinen VerwandtenSchon sich gefunden; sie wünschten dem Fuchs ein schmählichesEnde;

Manches zornige Wort und manche Drohung vernahm er.

Aber Lynx und Lupardus, die Wächter des Kreises, sie brachtenNun die Heil'gen hervor, und beide Kämpfer beschwuren,

Wolf und Fuchs, mit Bedacht die zu behauptende Sache.

Isegrim schwur mit heftigen Worten und drohenden Blicken:Reineke sei ein Verräther, ein Dieb, ein Mörder und allerMissethat schuldig, er sey auf Gewalt und Ehbruch betreten,Falsch in jeglicher Sache; das gelte Leben um Leben!

Reineke schwur zur Stelle dagegen: er sehe sich keinerDieser Verbrechen bewußt, und Isegrim lüge, wie immer,Schwöre falsch, wie gewöhnlich, doch soll' es ihm nimmer ge-lingen,

Seine Lüge zur Wahrheit zu machen, am wenigsten dießmal.

Und es sagten die Wärter des Kreises: Ein jeglicher thue,Was er schuldig zu thun ist! das Recht wird bald sich ergeben.Groß und Klein verließen den Kreis, die beiden alleineDrin zu verschließen. Geschwind begann die Aefsin zu flüstern:Merket, was ich euch sagte, vergeßt nicht dem Rathe zu folgen!

Reineke sagte heiter darauf: Die gute BermahnungMacht mich muthiger gehn. Getrost! ich werde der KühnheitUnd der List auch jetzt nicht vergessen, durch die ich aus manchenGroßem Gefahren entronnen, worein ich öfters gerathen,Wenn ich mir dieses und jenes geholt, was bis jetzt nicht be-zahlt ist,

Und mein Leben Ähnlich gewagt. Wie sollt' ich nicht jetzoGegen den Bösewicht stehen? Ich hoff' ihn gewißlich zuschänden,

Ihn und sein ganzes Geschlecht, und Ehre den Meinen zu bringen.Was er auch lügt, ich tränk' es ihm ein. Nun ließ man diebeiden

In dem Kreise zusammen, und alle schauten begierig.

Isegrim zeigte sich wild und grimmig, reckte die Tatzen,Kam daher mit offenem Maul und gewaltigen Sprüngen.Reineke, leichter als er, entsprang dem stürmenden Gegner,Und benetzte behende den rauhen Wedel mit feinemNetzenden Wasser und schleift' ihn im Staube, mit Sand ihnzu füllen.

Isegrim dachte, nun hab' er ihn schon; da schlug ihm der LoseUeber die Augen den Schwanz, und Hören und Sehen vergingihm.

Nicht das erstemal übt' er die List, schon viele GeschöpfeHatten die schändliche Kraft des ätzenden Wassers erfahren.Jsegrim's Kinder blendet' er so, wie Anfangs gesagt ist;

Und nun dacht' er den Vater zu zeichnen. Nachdem er dem GegnerSo die Augen gesalbt, entsprang er seitwärts und stellteGegen den Wind sich, rührte den Sand und jagte des StaubesViel in die Augen des Wolfs, der sich mit Reiben und WischenHastig und übel benahm und seine Schmerzen vermehrte.

Reineke wußte dagegen geschickt den Wedel zu führen,

Seinen Gegner aufs neue zu treffen und gänzlich zu blenden.Uebel bekam es dem Wolfe; denn seinen Vortheil benutzteNun der Fuchs. Sobald er die schmerzlich thränenden AugenSeines Feindes erblickte, begann er mit heftigen Sprüngen,

Mit gewaltigen Schlägen auf ihn zu stürmen, zu kratzenUnd zu beißen, und immer die Augen ihm wieder zu salben.Halb von Sinnen tappte der Wolf, da spottete seinerReineke dreister und sprach: Herr Wolf, ihr habt wohl vor ZeitenManch unschuldiges Lamm verschlungen, in euerem LebenManch unsträfliches Thier verzehrt; ich hoffe, sie sollenKünftig Ruhe genießen; auf alle Fälle bequemt ihrEuch, sie in Frieden zu lassen, und nehmet Segen zum Lohne.Eure Seele gewinnt bei dieser Buße, besondersWenn ihr das Ende geduldig erwartet. Ihr werdet für dießmalNicht aus meinen Händen entrinnen, ihr müßtet mit BittenMich versöhnen; da schont' ich euch wohl und ließ' euch das Leben.

Hastig sagte Reineke das, und hatte den GegnerFest an der Kehle gepackt und hofft' ihn also zu zwingen.Isegrim aber, stärker als er, bewegte sich grimmig,

Mit zwei Zügen riß er sich los. Doch Reineke griff ihmJn's Gesicht, verwundet' ihn hart und riß ihm ein AugeAus dem Kopfe; es rann ihm das Blut die Nase herunter.

Reineke rief: So wollt' ich es haben! so ist es gelungen!Blutend verzagte der Wolf, und sein verlorenes AugeMacht'ihn rasend, er sprang, vergessend Wunden und Schmerzen,Gegen Reineken los und drückt' ihn nieder zu Boden.

Uebel befand sich der Fuchs, und wenig half ihm die Klugheit.Einen der vorderen Füße, die er als Hände gebrauchte,

Faßt' ihm Isegrim schnell und hielt ihn zwischen den Zähnen.Reineke lag bekümmert am Boden, er sorgte zur StundeSeine Hand zu verlieren und dachte tausend Gedanken.

Isegrim brummte dagegen mit hohler Stimme die Worte:Deine Stunde, Dieb, ist gekommen! Ergieb dich zur Stelle,Oder ich schlage dich todt für deine betrüglichen Thaten!

Ich bezahle dich nun! es hat dir wenig geholfen,

Staub zu kratzen, Wasser zu lassen, das Fell zu bescheeren,Dich zu schmieren. Wehe dir nun! du hast mir so vielesUebel gethan, gelogen auf mich, mir das Auge geblendet:

Aber du sollst nicht entgehn; ergieb dich oder ich beiße!

Reineke dachte: Nun geht es mir schlimm; was soll ich be-ginnen?

Geb' ich mich nicht, so bringt er mich um, und wenn ich mich gebe,Bin ich auf ewig beschimpft. Ja, ich verdiene die Strafe;

Denn ich hab' ihn zu übel behandelt, zu gröblich beleidigt.

Süße Worte versucht' er darauf, den Gegner zu mildern.Lieber Oheim! sagt' er zu ihm, ich werde mit Freuden