Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

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Nichts zu erleben! Es gönne mir nur der König das eine,

Daß ich meine Freunde befrage. Da riefen die FreundeReinekens alle: Es dünket uns gut, den Willen des KönigsGleich zu erfüllen. Sie kamen zu Schaaren zum Sieger gelaufen,Alle Verwandte, der Dachs und der Affe und Otter und Biber.Seine Freunde waren nun auch der Marder, die Wiesel,Hermelin und Eichhorn, und viele, die ihn befeindet.

Seinen Namen zuvor nicht nennen mochten, sie liefenAlle zu ihm. Da fanden sich auch, die sonst ihn verklagten,

Als Verwandten ansetzt und brachten Weiber und Kinder,Große, Mittlere, Kleine, dazu die Kleinsten; es that ihmJeglicher schön, sie schmeichelten ihm und konnten nicht enden.

In der Welt geht's immer so zu. Dem Glücklichen sagt man:Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge.

Aber wem es übel geräth, der mag sich gedulden!

Eben so fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der NächsteNeben dem Sieger sich blähn. Die einen flöteten, andreSangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen.Reinekens Freunde sprachen zu ihm: Erfreut euch! ihr habetEuch und euer Geschlecht in dieser Stunde gehoben.

Sehr betrübten wir uns euch unterliegen zu sehen,

Doch es wandte sich bald, es war ein treffliches Stückchen.

Reineke sprach: Es ist mir geglückt! und dankte den Freunden.Also gingen sie hin mit großem Getümmel, vor allenReineke mit den Wärtern des Kreises. Also gelangtenSie zum Throne des Königs, da kniete Reineke nieder.

Aufstehn hieß ihn der König und sagte vor allen den Herren:Euren Tag bewahrtet ihr wohl; ihr habet mit EhrenEure Sache vollführt, deßwegen sprech' ich euch ledig;

Alle Strafe hebet sich auf: ich werde darüberNächstens sprechen im Rath mit meinen Edlen, sobald nurIsegrim wieder geheilt ist; für heute schließ' ich die Sache.

Eurem Rathe, gnädiger Herr, versetzte bescheidenReineke drauf, ist heilsam zu folgen; ihr wißt es am besten.

Als ich hierher kam, klagten so viele, sie logen dem Wolfe,Meinem mächtigen Feinde, zu lieb, der wollte mich stürzen,Hatte mich fast in seiner Gewalt, da riefen die andern:Kreuzige! klagten mit ihm, nur mich auf's Letzte zu bringen,Ihm gefällig zu seyn; denn alle konnten bemerken:

Besser stand er bei euch als ich, und keiner gedachteWeder an's Ende, noch wie sich vielleicht die Wahrheit verhalte.Jenen Hunden vergleich' ich sie wohl, die pflegten in MengeVor der Küche zu stehn, und hofften, es werde wohl ihrerAuch der günstige Koch mit einigen Knochen gedenken.

Einen ihrer Gesellen erblickten die wartenden Hunde,

Der ein Stück gesottenes Fleisch dem Koche genommenUnd nicht eilig genug zu seinem Unglück davon sprang.

Denn es begoß ihn der Koch mit heißem Wasser von hintenUnd verbrüht' ihm den Schwanz; doch ließ er die Beute nicht fallen,Mengte sich unter die andern, sie aber sprachen zusammen:Seht, wie diesen der Koch vor allen andern begünstigt!

Seht, welch köstliches Stück er ihm gab! Und jener versetzte:Wenig begreift ihr davon: ihr lobt und Preist mich von vorne,Wo es euch freilich gefällt das köstliche Fleisch zu erblicken;

Aber beseht mich von hinten und Preist mich glücklich, wofern ihr

Eure Meinung nicht ändert. Da sie ihn aber besahen,

War er schrecklich verbrannt, es fielen die Haare herunterUnd die Haut verschrumpft' ihm am Leib. Ein Grauen befiel sie,Niemand wollte zur Küche; sie liefen und ließen ihn stehen.Herr, die Gierigen mein' ich hiermit. So lange sie mächtigSind, verlangt sie ein jeder zu seinem Freunde zu haben;Stündlich sieht man sie an, sie tragen das Fleisch in dem Munde.Wer sich nicht nach ihnen bequemt, der muß es entgelten,

Loben muß man sie immer, so übel sie handeln, und alsoStärkt man sie nur in sträflicher That. So thut es ein jeder,Der nicht das Ende bedenkt. Doch werden solche GesellenOefters gestraft und ihre Gewalt nimmt ein trauriges Ende.Niemand leidet sie mehr; so fallen zur Rechten und LinkenIhnen die Haare vom Leibe. Das sind die vorigen Freunde,Groß und klein: sie fallen nun ab und lassen sie nackend.

So wie sämmtliche Hunde sogleich den Gesellen verließen,

Als sie den Schaden bemerkt und seine geschändete Hälfte.Gnädiger Herr, ihr werdet verstehn! von Reineken soll manNie so reden, es sollen die Freunde sich meiner nicht schämen.Euer Gnaden dank' ich auf's beste, und könnt' ich nur immerEuren Willen erfahren, ich würd' ihn gerne vollbringen.

Viele Worte helfen uns nichts, versetzte der König.

Alles hab' ich gehört, und was ihr meinet, verstanden.

Euch, als edlen Baron, euch will ich im Rathe wie vormalsWiedersehen; ich mach' euch zur Pflicht zu jeglicher StundeMeinen geheimen Rath zu besuchen. So bring' ich euch wiederVöllig zu Ehren und Macht, und ihr verdient es, ich hoffe.Helfet alles zum besten wenden. Ich kann euch am HoseNicht entbehren, und wenn ihr die Weisheit mit Tugend verbindet,So wird niemand über euch gehn, und schärfer und klügerRath und Wege bezeichnen. Ich werde künftig die KlagenUeber euch weiter nicht hören. Und ihr sollt immer an meinerStelle reden und handeln als Canzler des Reiches. Es sey euchAlso mein Siegel befohlen, und was ihr thuet und schreibet,Bleibe gethan und geschrieben! — So hat nun Reineke billigSich zu großen Gunsten geschwungen, und alles befolgt man,Was er räth und beschließt, zu Frommen oder zu Schaden.

Reineke dankte dem König und sprach: Mein edler Gebieter!Zu viel Ehre thut ihr mir an, ich will es gedenken,

Wie ich hoffe Verstand zu behalten. Ihr sollt es erfahren.

Wie es dem Wolf indessen erging, vernehmen wir kürzlich.Ueberwunden lag er im Kreise und übel behandelt;

Weib und Freunde gingen zu ihm, und Hinze, der Kater,Braun, der Bär, und Kind und Gesind' und seine Verwandten,Klagend legten sie ihn auf eine Bahre (man hatteWohl mit Heu sie gepolstert, ihn warm zu halten) und trugenAus dem Kreis ihn heraus. Man untersuchte die Wunden,Zählete sechs und zwanzig; es kamen viele Chirurgen,

Die sogleich ihn verbanden und heilende Tropfen ihm reichten;Alle Glieder waren ihm lahm. Sie rieben ihm gleichfallsKraut in's Ohr, er nies'te gewaltig von vornen und hinten.

Und sie sprachen zusammen: Wir wollen ihn salben und baden;Trösteten solchergestalt des Wolfes traurige Sippschaft.

Legten ihn sorglich zu Bette, da schlief er, aber nicht lange,Wachte verworren und kümmerte sich; die Schande, die Schmerzen